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Chodorkowskij in Berlin : Müde, aber nicht gebrochen

Froh, frei zu sein: Michail Chodorkowskij am Sonntag im Haus am Checkpoint Charlie in Berlin Bild: REUTERS

Nach eineinhalb Tagen in Freiheit tritt Chodorkowskij gefasst und eloquent auf. Er möchte Gefangenen helfen und sich von Politik fernhalten. Und Putin danken will er nicht.

          Michail Chodorkowskij sieht immer noch gut aus. Kein gebrochener Mann erscheint da in einem Zimmer des Mauermuseums am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie, sondern ein schlanker, sportlicher Typ von 50 Jahren, eloquent und humorvoll. Wie schafft man es, so durch zehn Jahre Haft in russischen Gefängnissen und Straflagern zu kommen? Körperlich, so sagt der Mann im blauen Anzug und mit blauer Krawatte, sei das nicht so schwierig. Die heutigen Lager seien nicht der GULag früher Zeiten. Es gebe Exzesse, auch Druck auf Gefangene. Aber quälender Hunger und Kälte seien die Ausnahme.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Zudem habe er, um fit zu bleiben, gleich nach der Verhaftung aufgehört zu rauchen. „Wenn die mich schon beerdigen wollen, dann will ich nicht noch dazu beitragen“, habe er sich gesagt. Psychisch habe er seine Haft als Herausforderung begriffen. Er habe versucht, optimistisch zu bleiben, auch wenn es depressive Tage gegeben habe. Immerhin könne man auch im Lager versuchen, als Mensch besser zu werden. Und er habe sich verboten, über seine Zukunft nach einer Entlassung nachzudenken, sagt der Mann, der seit 36 Stunden in Freiheit ist.

          Ein einfacher Gefangner war der ehemals reichste Russe nicht. „Sonderkontrolle“ habe auf allen Dokumenten gestanden, die mit seiner Haft zu tun hatten, so habe es ihm sein vor einem Jahr verstorbener Anwalt Jurij Schmidt berichtet. Das hieß: Eine Videokamera war auf sein Bett gerichtet, eine weitere auf seinen Schreibtisch, eine auf den Esstisch in der Lagerkantine, an dem er aß. Wenn er sich mit seinen Anwälten traf, beobachtete eine Kamera das Gespräch, ein Telefon diente dazu, es abzuhören.

          Keine politische oder unternehmerische Karriere mehr

          Vermisst habe er vor allem das Zusammensein mit seiner Familie. Nur in vier von zehn Jahren habe er mit ihr zusammen sein können, jeweils drei Tage im Vierteljahr. Aber es sei in den zehn Jahren keine Barriere zwischen ihm und seiner Frau, seinen Kindern und Eltern entstanden. „Das ist ein seltenes Glück für Leute, die lange in Russland in Haft sind.“ Es ist einer der Momente, in denen der so gefasste Mann Zeichen der Rührung verrät. Seine Eltern und weitere Angehörige hat Chodorkowskij zum Gespräch mit den etwa 20 Journalisten mitgenommen, die seinen Fall seit langem verfolgt haben. Sie sitzen in der zweiten Reihe. Obwohl seine erkrankte Mutter, die im November in Berlin behandelt worden war, sich zum Zeitpunkt seiner Freilassung in Moskau aufhielt und auch seine Frau dort war, habe er Russland unmittelbar mit dem Flugzeug verlassen müssen. Eine Möglichkeit, zunächst seine Familie zu sehen, habe man ihm nicht gegeben. „Das lief in den besten Traditionen der siebziger Jahre ab“, sagt Chodorkowskij unter Anspielung auf das Schicksal sowjetischer Dissidenten, die in den Westen ausgewiesen wurden.

          Der frühere Oligarch Michail Chodorkowskij am Sonntag in Berlin

          Was macht der ehemals reichste Mann Russlands nun? Der Mann, der in den wilden Zeiten der Privatisierung dank seiner Kontakte aus der kommunistischen Parteijugend sein erstes großes Geld mit krummen Geschäften machte und dann zum Herrn von Yukos, dem größten Ölunternehmen Russlands, aufstieg? Der sich anschickte, das politische System Russlands in Richtung einer parlamentarischen Demokratie zu ändern, und dafür seinen Konzern nutzte, der die westlich orientierten Oppositionsparteien unterstützte

          Er werde nicht vor Gerichten um die Anteile an dem zerschlagenen Ölkonzern kämpfen, macht Chodorkowskij klar. Eine Karriere als Unternehmer strebe er nicht mehr an. „Das will ich nicht, und das interessiert mich nicht.“ Und auch eine politische Karriere schließt er für sich aus. „Politik im Sinne von Kampf um die Macht“ werde nicht mehr Teil seines Lebens sein. Seinen Verzicht darauf habe er in seinem Gnadengesuch an Putin festgehalten, auch jenen auf eine gerichtliche Auseinandersetzung um seine Anteile am zerschlagenen Yukos-Konzern. Er werde sich aber für politische Gefangene in Russland einsetzen. „Das kann für mich gar nicht anders sein.“ Und er könne sich ein zivilgesellschaftliches Engagement für Russland vorstellen.

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