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Chodorkowskij in Berlin : Müde, aber nicht gebrochen

„Ich bin froh über seine Entscheidung“

Warum aber hat Chodorkowskij erst jetzt ein Gnadengesuch an Putin gerichtet? Es hätte ihm nichts ausgemacht, ein solches Papier auch früher zu verfassen, sagt er. Doch habe man ihm stets die Bedingung gestellt, zuvor seine Schuld einzugestehen. Er habe die Gefahr gesehen, dass aufgrund eines Geständnisses alle ehemaligen Yukos-Mitarbeiter strafrechtlich verfolgt würden. „Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen“, sagt er. Erst als er von seinen Anwälten die Nachricht des ehemaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher erhalten habe, dass ein solches Schuldgeständnis nicht verlangt werde, habe er am 12. November das Gesuch geschrieben. Auch wenn er nur acht Monate früher freigekommen sei, so sei diese Zeit angesichts der erkrankten Mutter für ihn wichtig.

Sollte Chodorkowskij Gefühle des Hasses gegenüber dem russischen Präsidenten hegen, dann lässt er sich das nicht anmerken. Als Ausgangspunkt des Vorgehens gegen ihn und sein Unternehmen sieht er ein Treffen der Oligarchen im Kreml an. Damals hatte er die Korruption in Russland in markigen Worten gegeißelt. Dass er über das Thema sprechen werde, sei mit Putins Präsidialverwaltung vereinbart gewesen. Deshalb habe ihn Putins Reaktion überrascht. Der Präsident hatte damals in scharfem Ton erwidert, die eigentliche Frage sei, wer seine Steuern bezahlt habe. Zwei Wochen später begannen die Ermittlungen gegen Yukos.

Ob er gegenüber Putin Dankbarkeit empfinde, wird Chodorkowskij gefragt. Er habe lange darüber nachgedacht, wie er auf diese Frage antworten solle. Es sei zwar zu einfach, sein Schicksal nur als den Ausgang des Kampfes zweier Personen zu sehen. „Aber all die Jahre sind die Entscheidungen über mich nur von einem Mann getroffen worden“, sagt der freigelassene Häftling. Es falle ihm deshalb schwer, das Wort Dankbarkeit auszusprechen. „Aber ich kann sagen: Ich bin froh über seine Entscheidung.“

Toleranz als entscheidender Wert

Über sein heutiges Vermögen sagt der einstige Milliardär lediglich, dass er darüber keinen Überblick habe. „Ich werde aber keine Fußballklubs kaufen“, sagt er ironisch in Anspielung auf den Oligarchen Roman Abramowitsch, Besitzer des englischen Klubs Chelsea. Zum Leben werde sein Vermögen natürlich reichen. Nicht reichen werde es, um die russische Opposition zu unterstützen.

Wie wolle er, so lautete eine weitere Journalistenfrage, der von manchen nun als Märtyrer, als Figur im Rang eines Nelson Mandela gehandelt werde, denn diesen Leuten erklären, dass er sich aus der Politik zurückziehe? Er habe niemals Anlass dafür gegeben, dass man ihn in einer solchen Rolle sehen könne, sagt Chodorkowskij. Eine solche Erwartung könne also nur von Leuten kommen, die seine Interviews und Artikel in den vergangenen Jahren nicht gelesen hätten. „Im Unterschied zu Politikern kann ich sagen: Mir ist das egal.“

Die Opposition in Russland ist in der Sicht Chodorkowskijs immer noch organisatorisch schwach, nur ein kleiner Teil der Gesellschaft unterstütze sie. Es könne nicht darum gehen, wer nun der starke Führer der Opposition sein solle. „Wenn es nur auf einen Mann ankommt, dann bekommen wir einen zweiten Putin.“ Bislang wolle die Gesellschaft kein anderes politisches System. Doch die Zahl derjenigen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollten, wachse in Russland. „Es sind viel mehr als vor fünf, vor zehn Jahren.“

Toleranz, die Mandela gepredigt habe, betrachtet Chodorkowskij auch für Russland als entscheidenden Wert. Man dürfe nicht versuchen, den jeweils anderen in eine aussichtslose Lage zu bringen, egal ob man in der Opposition aktiv oder an der Macht sei. „Wir müssen weiter in einem Land leben“, sagt der Mann, der zehn Jahre im Lager saß.

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