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Chodorkowskij in Berlin : Der Pilot flog ohne Visum

Eine Maschine des Typs, mit dem Chodorkowskij nach Berlin gebracht wurde Bild: Matthias Andre Copar

Lange hat sich Hans-Dietrich Genscher bemüht, dass Michail Chodorkowskij aus dem Lager entlassen wird. Er nutzte seine Kontakte und Freundschaften. Am Ende ging alles ganz schnell.

          Es war Donnerstag um 16 Uhr, als Hans-Dietrich Genscher den Unternehmer Ulrich Bettermann anrief. Es sei so weit, man müsse nun Michail Chodorkowskij in Russland abholen, sagte Genscher. Der 86 Jahre alte ehemalige Außenminister und der 67 Jahre alte Unternehmer aus Menden sind seit 35 Jahren Freunde – Franz Josef Strauß hatte sie einst miteinander bekannt gemacht. Als Außenminister nahm Genscher Bettermann manchmal mit auf Reisen, etwa 1984, als er im Irak Saddam Hussein besuchte. Vor einem Jahr flog Bettermann, der ein erfahrener Pilot ist, Genscher nach Baku zum autokratisch herrschenden Präsidenten Ilcham Alijew. Genscher berät den Potentaten.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          „Er hat mir da eine Tür aufgemacht“, sagt der Unternehmer, der auch in Russland geschäftlich tätig ist. So hilft man sich gegenseitig.

          Vor zwei oder drei Monaten hatte Genscher seinen Freund, der für ihn als eine Art private Flugbereitschaft fungiert, darüber informiert, dass ein Flug nach Russland auf ihn zukomme, falls Chodorkowskij freikomme. Bettermann, der schon als Student Linienflüge gesteuert hat und einen kleinen Privatflugplatz mit fünf achtsitzigen Cessna-Maschinen besitzt, wäre gern selbst nach St. Petersburg geflogen. Doch er war, als Genscher am Donnerstag das Startsignal gab, gerade in Ungarn, wo er ein Werk für Elektroinstallationen betreibt. 700 Leute arbeiten dort.

          Michail Chodorkowskij bei seinem ersten Interview am Samstag im Berliner Hotel Adlon

          Also ließ er einen seiner Piloten, der Russland-Erfahrung hat, samt Co-Pilotin aus Salzburg zum Flugplatz nach Arnsberg/Menden fahren. Sie sollten am nächsten Morgen nach St. Petersburg fliegen. Doch sie hatten kein russisches Visum. Genscher telefonierte mit Putins Präsidialbüro im Kreml. Die gaben die Erlaubnis, ohne Visum zu starten. Die Maschine landete am Freitagmorgen in Putins Heimatstadt. Um viertel nach zwölf war sie mit Russlands bekanntestem Gefangenen in der Luft. Der 50 Jahre alte Chodorkowskij hatte erst am Freitagmorgen das Straflager Segescha nahe der Grenze zu Finnland verlassen können, nachdem Putin sein Gnadengesuch unterschrieben hatte. Am Freitag um 14.45 Uhr erreichte die Maschine deutschen Luftraum, eine erste Presseinformation wurde herausgegeben. Um 15.09 Uhr landete der ehemalige Oligarch, der zehn Jahre in Haft gesessen hatte, auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld.

          Es war das Ende einer langen Geschichte. Genscher hatte schon vor zweieinhalb Jahren mit seinen Bemühungen begonnen, eine Freilassung Chodorkowskijs zu erwirken. Dafür stand er in Kontakt mit Chodorkowskijs Anwälten – und mit der Bundeskanzlerin. Angela Merkel, die bei ihren Treffen mit Putin den Fall Chodorkowskij mehrfach angesprochen hatte, unterstützte Genscher. Denn früh war klar, dass der Mission nur Erfolg beschieden sein könnte, wenn der ehemalige Außenminister mit Putin direkt sprechen würde. Als dieser Anfang Juni 2012 seinen Antrittsbesuch als wieder gewählter Präsident in Berlin machte, arrangierte das Kanzleramt ein Treffen mit Genscher am Flughafen Tegel. Die Presse bekam davon nichts mit. Putins Antwort auf Genschers Vorstoß war unbestimmt. Doch ein Gesprächsfaden war gesponnen.

          Der Eingang zum Straflager, in dem Chodorkowskij einsaß

          Seitdem unterbreitete Genscher Vorschläge für eine Freilassung des Kreml-Kritikers. Damit sie bei Putin ankamen, wurden sie vom Kanzleramt an Putins außenpolitischen Berater Jurij Uschakow übermittelt – oder durch Ulrich Brandenburg, den deutschen Botschafter in Moskau. Vor einigen Monaten traf Genscher Putin ein zweites Mal in Moskau. Letztlich kam der Zeitpunkt der Freilassung für ihn und die deutsche Seite überraschend. Am Freitag wurde vom Auswärtigen Amt binnen eines Tages die Aufenthaltsgenehmigung für den freigelassenen Häftling erwirkt. Er kann sich zunächst ein Jahr lang in Deutschland aufhalten.

          Auch die Familie Chodorkowskijs hatte keine Ahnung, dass er freikommt. Seine Mutter, die an Krebs erkrankt ist, war im November in Deutschland behandelt worden, aber nach Moskau zurückgereist. Chodorkowskij, der vier Kinder hat, konnte am Samstag seinen ältesten Sohn Pawel und seine Eltern im Hotel „Adlon“ umarmen. Er traf auch die Grünen-Politikerin Marieluise Beck, die sich für seine Freilassung eingesetzt hatte.

          Heute will Chodorkowskij sich in Berlin zu seinen Zukunftsplänen äußern. Er hat sich dafür einen symbolischen Ort ausgesucht: das private Mauermuseum am früheren Grenzübergang Checkpoint Charlie.

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