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Till Fähnders (fäh.)

China : Weg von der Ein-Kind-Politik

Seit dreißig Jahren gilt in China die Ein-Kind-Politik Bild: picture-alliance/ dpa

Die Bevölkerungsentwicklung in China ist dramatisch: Die Volksrepublik altert, bevor sie reich geworden ist. Und auch ein „Millionen-Überschuss“ an Männern gefährdet die soziale Stabilität.

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          Früher sagte man, die Chinesen müssten nur einmal alle zusammen und im selben Moment in die Luft hüpfen, und schon würde die Erde aus ihrer Umlaufbahn geworfen. Diese „These“ sagt weniger über physikalische Gesetzmäßigkeiten aus als über unsere Vorstellungen von China. Von außen betrachtet, war China immer und zuallererst ein riesiges und unterentwickeltes Land mit einer „explodierenden“, größtenteils ländlichen und bitterarmen Bevölkerung.

          Doch wie vor kurzem die jüngste Volkszählung ergeben hat, wächst Chinas Bevölkerung heute nicht mehr zu schnell, sondern zu langsam. Grund dafür ist die seit dreißig Jahren geltende Ein-Kind-Politik. Sie hat die Geburtenrate auf ein Niveau sinken lassen, wie es sonst nur in Industrieländern üblich ist. Zumindest Bevölkerungspolitisch ist das „chinesische Modell“ ein schlechtes Vorbild.

          Stadium einer alternden Gesellschaft

          Mehr als dreizehn Prozent der Chinesen sind älter als sechzig Jahre. Das Schwellenland hat damit das Stadium einer alternden Gesellschaft erreicht, wie sie vor allem für hochentwickelte Länder wie Deutschland charakteristisch ist. Chinesische Sozialwissenschaftler schätzen, dass der Anteil der Alten in China bis zum Jahr 2030 sogar größer sein werde als in Japan, dem Land mit dem bisher größten Anteil von Menschen im Rentenalter an der Bevölkerung.

          Im Gegensatz zu Japan wird China jedoch alt, bevor es reich ist. Ein Rentenversicherungssystem existiert nur rudimentär. Die meisten Chinesen müssen sich auf ihre Nachkommen verlassen. Immer weniger junge Menschen müssen deshalb immer höhere Belastungen schultern. In Zukunft wird ein Bürger in China neben dem eigenen Nachwuchs auch ein Elternpaar und vier Großeltern versorgen.

          Vor dem Ende der „demographischen Dividende“

          Die Bevölkerungsentwicklung beeinträchtigt die Entwicklung der Volkswirtschaft. China hat bislang von einer „demographischen Dividende“ profitiert. Das Heer junger Arbeitskräfte schien unerschöpflich zu sein. Doch die Zahl der Erwerbstätigen könnte in zwei bis fünf Jahren ihren Höhepunkt überschreiten. Schon heute klagen einige Regionen über Arbeitskräftemangel. China verliert auf diese Weise seinen demographischen Wettbewerbsvorteil.

          Etwa vom Jahr 2030 an wird die Zahl der Menschen in der Volksrepublik sinken. Das Nachbarland Indien, das China den Prognosen nach als das Land mit der größten Bevölkerung ablösen wird, hat dann noch zwei Jahrzehnte Bevölkerungswachstum vor sich. Auch wirtschaftlich könnte Indien China deshalb überholen.

          „Millionen- Ü berschuss“ an Männern

          China wird aber nicht nur immer älter, es bekommt auch einen Bart. Der Anteil der Männer steigt. Zwischen Peking und Kanton werden derzeit auf hundert Mädchen 118 Jungen geboren. Die männlichen Nachkommen werden in Asien bevorzugt, weil ihnen traditionell die Versorgung der Alten obliegt. Die Geburtenkontrolle und die Verbreitung von Ultraschallgeräten haben das Problem verschärft.

          Der indische Ökonom Amartya Sen stellte schon in den neunziger Jahren fest, dass in Asien hundert Millionen Frauen fehlten. In zehn Jahren soll es allein in China 24 Millionen Männer im Heiratsalter geben, die keine Partnerin mehr finden. Der „Überschuss“ an Männern gefährdet die soziale Stabilität. Schlimmer noch: Ein Land mit einem „Überschuss an Testosteron“ könnte leichter Kriege anzetteln als eine Gesellschaft mit „normalem“ Geschlechterverhältnis.

          Trotz der bekannten Probleme rühmen sich Chinas Bevölkerungspolitiker, bis zu vierhundert Millionen Geburten verhindert zu haben. Sie verweisen darauf, dass sich die Zahl der Chinesen zwischen 1953 und 1993 verdoppelt hat. China ist mit 1,34 Milliarden Einwohnern immer noch das bevölkerungsreichste Land.

          Die Belastungen für Umwelt, Ressourcen und Verkehr sind aufgrund der Menschenmassen unbestreitbar gewaltig. In keinem Land wird so viel Energie verbraucht wie in China. Aus diesen Gründen haben auch viele im Westen die Geburtenkontrolle insgeheim lange befürwortet. Die Führung unter Staatschef Hu Jintao hat angekündigt, an der restriktiven Regelung festzuhalten. Sie glaubt, dass größerer Wohlstand von der Kontrolle des Bevölkerungswachstums abhänge.

          China ist jedoch nicht mehr das Agrarland, das es einmal war. Die Hälfte der Menschen lebt in den Städten. Viele verzichten aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten freiwillig darauf, mehr als ein Kind zu bekommen. Von der Ein-Kind-Regel ist aufgrund vieler Ausnahmen ohnehin nur noch ein Drittel der Bevölkerung betroffen.

          Hinzu kommt, dass die Geburtenkontrolle im Volk unbeliebt ist. In ihrem Namen wurde in die Freiheits- und Persönlichkeitsrechte von Millionen Menschen brutal eingegriffen. Noch heute werden Frauen zu Abtreibungen gezwungen, wenn auch nicht mehr so häufig wie in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

          Würde diese unmenschliche Politik endlich abgeschafft, ließe sich der radikale demographische Wandel vielleicht noch bremsen. Zumindest sollte Peking auf den Rat der eigenen Fachleute hören und allen Chinesen erlauben, wenigstens ein zweites Kind zu bekommen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

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