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Chinas Geburtenrate sinkt : Mit Steuererleichterungen und Familienwerten gegen die Schrumpfung

Nachwuchs: Ein kleines Mädchen in Peking im Juli 2020 Bild: dpa

Seit der Gründung der Volksrepublik wurden noch nie so wenige Kinder geboren. Steuererleichterungen und konservative Familienwerte sollen helfen.

          4 Min.

          Die Zahl der Geburten in China ist zum fünften Mal in Folge deutlich gesunken. Laut den am Montag veröffentlichten Daten des chinesischen Statistikamts wurden im vergangenen Jahr in der Volksrepublik nur noch 10,62 Millionen Kinder geboren. Das bedeutet einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 10,5 Prozent. Es ist die geringste Zahl an Neugeborenen seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949. Auf tausend Einwohner kamen 7,52 Geburten. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei 9,4.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Die extrem hohen Kosten für Bildung, Kinderbetreuung und Wohnen in Chinas Metropolen ist der meistgenannte Grund für den Rückgang. Eine Rolle spielen auch die veränderten Einstellungen junger Frauen, die dank höherer Bildungsabschlüsse finanziell unabhängiger sind und es nicht eilig haben, ihre Autonomie für Ehemann und Kinder einzuschränken. Die Zahl der Eheschließungen geht seit sieben Jahren kontinuierlich zurück. In diesem Jahr schlägt außerdem die Corona-Krise voll durch.

          Eine im Dezember veröffentlichte Studie von Forschern des YuWa-Instituts für Bevölkerungsforschung kam zu dem Schluss, dass viele Paare das Kinderkriegen wegen geringerer Einkommen, Arbeitsplatzverlusts und unsicheren Zukunftsperspektiven erst einmal verschoben haben. Zudem hätten sie die Sorge, dass in der Pandemie der Zugang zu Krankenhäusern für die Geburt nicht garantiert sei.

          2016 schaffte Peking die Ein-Kind-Politik ab

          Schon lange warnen Ökonomen vor den wirtschaftlichen Folgen des demografischen Wandels. Aus diesem Grund hatte die chinesische Regierung 2016 die Ein-Kind-Politik abgeschafft. Nach Ansicht vieler Fachleute kam das aber viel zu spät und führte nur kurzzeitig zu einem geringen Geburtenanstieg. Im Mai 2021 ging China dann einen Schritt weiter und führte die sogenannte Drei-Kind-Politik ein. Jetzt darf zwar jede Familie drei Kinder bekommen, aber die meisten wollen das gar nicht, wie die Zahlen von Montag bestätigen. Es ist noch nicht lange her, dass Eltern Strafe zahlen mussten, wenn sie mehr Kinder bekamen als erlaubt. Ein bekanntes Beispiel ist der Filmemacher Zhang Yimou, der die Eröffnungsfeier der kommenden Olympischen Winterspiele konzipiert hat. Er musste 2014 nachträglich für sein zweites und drittes Kind umgerechnet 900.000 Euro Strafe zahlen.

          Inzwischen ist das Gegenteil der Fall: Mit finanziellen Anreizen versuchen viele Provinzregierungen, Eltern dazu zu bewegen, noch ein zweites und drittes Kind zu bekommen. Je nach Region gibt es unterschiedliche Anreizprogramme. Das Geld dafür müssen die Lokalregierungen selbst aufbringen, deren wirtschaftliche Möglichkeiten weit auseinander liegen. In manchen Städten gibt es Kindergeld, anderswo verbilligte Kredite für den Wohnungskauf. In Peking und Schanghai wurde der bezahlte Erziehungsurlaub für Mütter um zwei auf fünf Monate verlängert. Väter dürfen dagegen nur zwei bis drei Wochen zuhause bleiben.

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          Nicht alle Frauen befürworten die verlängerte Elternzeit. Sie fürchten, dass sie deshalb auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden könnten. Tatsächlich ist dies schon jetzt der Fall, was ebenfalls dazu beiträgt, dass Frauen davor zurückschrecken, eine Familie zu gründen. Im ländlichen Hunan, wo heiratswillige Frauen besonders rar sind, versucht der Staat mit eigenen Dating-Plattformen für Singles und Blind-Date-Veranstaltungen nachzuhelfen. In Schanghai wiederum bietet eine Universität Kurse in moderner Erziehung für Großeltern an, die in vielen chinesischen Familien die Hauptlast der Kinderbetreuung tragen. Die Vorgabe der Zentralregierung, die Geburtenrate zu steigern, schlägt sich auch in staatlichen Krankenhäusern nieder. Viele Ärzte weigern sich inzwischen unter Verweis auf die neue Familienpolitik, Sterilisationen bei Männern vorzunehmen. Stattdessen wird massiv in Reproduktionsmedizin investiert.

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