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Verkehr in China : 5000 Kilometer Autobahn im Jahr

Aus dem Fahrrad- und Mopedland wird eine Autonation Bild: AFP

China macht mobil. 350 Milliarden Euro investiert das Land in Straßen, Schienen und Häfen. Nie in der Geschichte gab es ein derart ambitioniertes Verkehrsprogramm. Nie ging es so schnell. Die Dimensionen sind für Deutsche kaum vorstellbar.

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          Canning Wang besitzt jetzt ein Auto. Zum ersten Mal in seinem Leben - mit 44 Jahren. Damit fährt er jeden Tag zur Arbeit in die Außenbezirke von Peking. „Auf mein Fahrrad, das ich früher oft benutzt habe, setze ich mich jetzt nur noch am Wochenende“, sagt Wang.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwei Jahresgehälter hat ihn der kleine Citroën aus chinesischer Produktion gekostet. Während in Deutschland schon viele Studenten mit eigenem Wagen herumfahren, musste Wang nach der Uni mehr als zehn Jahre arbeiten, bevor sein Traum in Erfüllung ging. Doch Beispiele wie das von Wang werden schnell mehr. Es ist typisch für die rasch wachsende Mittelschicht in China, dass sie sich ein eigenes Auto leisten kann. Und es sich auch tatsächlich kauft. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Autos um 60 Prozent gestiegen, aber noch immer haben erst 8 Prozent der Haushalte einen eigenen Wagen.

          Gehaltssteigerungen von teilweise zehn Prozent und mehr im Jahr machen den raschen Zuwachs möglich. Das Durchschnittseinkommen liegt nahe an der Schwelle von 2000 Euro, über der die Motorisierung nach den Erfahrungen in anderen asiatischen Ländern sprunghaft zunimmt. Aus dem Fahrrad- und Mopedland wird die Autonation China, vier statt zwei Räder lautet das Motto. Die Rikscha wird in den Städten nur noch für Touristen gebraucht.

          Dramatisch wird das Stauproblem durch den Gütertransport

          Für die Verkehrsinfrastruktur ist das eine gewaltige Herausforderung. Schon jetzt kommen die Autos in den Millionenstädten Peking oder Schanghai selbst auf den großen achtspurigen Straßen oft nur im Joggingtempo voran - und das den ganzen Tag, nicht nur zur Hauptverkehrszeit. Die Fahrräder auf den Extraspuren rollen bequem an ihnen vorbei. So hat Wang zwar jetzt ein Auto, aber schneller ist er trotzdem nicht. Die Flucht in die Städte verschärft die Situation zusätzlich.

          Richtig dramatisch wird das Stauproblem aber durch den Gütertransport. Das rasante Wachstum von Chinas Wirtschaft von durchschnittlich zehn Prozent im Jahr erhöht auch die zu transportierenden Mengen enorm. Und verstopft die Straßen weiter, denn 70 Prozent davon übernehmen Lastwagen, weil sie billiger und schneller sind als die Bahn.

          Die Eisenbahnen leiden unter fehlenden Terminals, an denen Container vom Lastwagen auf die Schiene umgeladen werden können. Zudem sind die Streckenkapazitäten viel zu klein. Das hat Folgen: Kohletransporte für die Energieproduktion und vor Feiertagen und am Wochenende auch Passagierfahrten genießen Vorrang, die Containerzüge haben zu warten, klagen westliche Speditionen, die in China aktiv sind.

          350 Milliarden Euro werden bis 2010 investiert

          Der Straßenverkehr kann das nur auf den Autobahnen ausgleichen, die im dichtbesiedelten und industrialisierten Osten und Süden europäische Maßstäbe erreichen. „Nördlich von Hongkong sind sie sogar schon für die nächsten zwei Jahrzehnte ausgebaut“, erklärt Achim Haug, China-Experte bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft. Die Autobahnen sind mautpflichtig. Bei üppigen Preisen von rund 15 Euro für 300 Kilometer halten sie offenbar auch einige Autos ab, der Verkehr fließt besser als in der Stadt. „Je weiter man freilich in den Westen Chinas fährt, desto schlechter wird die Straßenqualität, vor allem nach Verlassen der Schnellstraße“, sagt Haug.

          Die chinesische Regierung hat die Engpässe erkannt und investiert gewaltige Summen, damit sie nicht zum Hindernis für den weiteren wirtschaftlichen Aufstieg Chinas werden. Die Dimensionen sind für Deutsche kaum vorstellbar. Im aktuellen Fünf-Jahres-Plan von 2006 bis 2010 fließen 350 Milliarden Euro in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, doppelt so viel wie in den fünf Jahren zuvor. Zum Vergleich: Deutschland wird in diesem Zeitraum 56 Milliarden Euro verbauen, der ganze Bundeshaushalt 2008 macht nur 280 Milliarden aus.

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