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Ein Selbstversuch : Es geht auch ohne China!

Elektrisch, billig, Plastik: Made in China Bild: ZB

Wegen Pekings Vorgehen in Tibet verlangen Kritiker einen Boykott chinesischer Produkte. Das inspirierte unseren Autor Winand von Petersdorff zu einem Experiment: Ein Alltag ohne China-Produkte - funktioniert das überhaupt? Protokoll eines Selbstversuchs.

          4 Min.

          China lauert im Fernseher, im Kleiderschrank und selbst auf dem Frühstückstisch: im grünen Tee aus Doppelkammerbeuteln mit der kombinierten Geschmacksnote Grapefruit & Zitrone.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Düsseldorfer Firma Teekanne mischt die Ernten verschiedener Herkunftsländer wild durcheinander mit dem ehrenwerten Ziel, immer die gleiche Geschmacksnote und Geschmacksqualität herauszubekommen. Die Gefahr, dass jeder Doppelkammerbeutel Teeblätter aus China enthält, ist gewaltig. Eine Million Tonnen Tee erntet das Land jedes Jahr und ist damit der größte Erzeuger.

          Das ist normalerweise schnuppe, heute aber ein Hindernis. Denn nach der Niederschlagung der Proteste in Tibet postulierten Kritiker den Boykott Chinas. Diese Forderung inspirierte zu einem Experiment: Ein Alltag ohne China - funktioniert das überhaupt noch?

          Selbst Tibet-Anstecker werden offenbar in China produziert

          Statt Tee gibt es also Kaffee zum Brötchen, das allerdings nicht mit Erdnussbutter bestrichen werden kann. Denn Erdnüsse können gut aus China kommen. Die erste Ermutigung im Projekt „Ich pfeife auf China“ liefert der Wasserkocher der holländischen Weltfirma Philips: Er kommt aus Polen.

          Elektrisch, billig, Plastik

          Fest einzukalkulieren ist dagegen der Verzicht aufs Handy. Die amerikanische Firma Motorola lässt mein Gerät W220 in China bauen, die Lithium-Ionen-Batterie kommt zwar aus Korea, aber sie wurde laut Schriftzug auf dem Batteriepack „finished in China“. Tschüs, Handy. Du hast Streikpause. Hätte ich ein Nokia, dann wäre es aus Bochum oder Rumänien. Vielleicht. China hat voriges Jahr 548 Millionen Mobiltelefone gebaut, das war jedes zweite Handy der Welt. Und meins auch.

          Was die Recherche allerdings erleichtert: Das Bürotelefon Siemens optiset advantage plus hat das Traditionsunternehmen in Deutschland bauen lassen, das angeflanschte Modul mit den Tasten, die man selbst belegen kann, stammt aus den Vereinigten Staaten.

          Die Erkenntnis, dass alles, was elektrisch, billig und mit Plastik umhüllt ist, aus China kommt, hatte sich ja schon ins allgemeine Bewusstsein geschlichen. Aber das gilt längst auch für Elektronik, die teuer ist, wie die „iPhones“, die Steve Jobs von Hon Hai in Shenzhen zusammenschrauben lässt. Dort entstehen auch zahlreiche Playstation-2-Konsolen, weshalb die Söhne meinen China-Boykott boykottieren.

          Marktmacht auf dem Gürtel-Segment

          Lange muss ich meinen neuen Gürtel anschauen, der den verdächtig niedrigen Preis von 4,95 Euro hat und von einem Plexiglastisch der Woolworth-Filiale in Frankfurt-Bockenheim stammt. Auf der Innenseite steht „Genuine Leather Backing“, das heißt „mit richtigem Leder beschichtet“, was mir erst jetzt in diesem Moment der Niederschrift klarwird.

          Die Herkunftsrecherche ist unmöglich: Woolworth weiß nichts, für den auf der Gürtelinnenseite aufgedruckten Firmennamen „Monona“ spuckt Google kein sinnvolles Ergebnis aus. Trotzdem spricht alles dafür, dass der Riemen aus China kommt. Das Land ist, was viele nicht wussten, eine echte Gürtelerzeuger-Hochburg: 16.000 Anbieter listet die inzwischen fast legendäre Website Alibaba auf, die Käufer und Produzenten aus aller Welt zusammenbringt (siehe Porträt Jack Ma, Seite B10). Die zweitmeisten Einträge hat Pakistan mit gerade 1700 Gürtelerzeugern.

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