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China und das Internet : Auf dem Weg zur digitalen Supermacht

  • -Aktualisiert am

Internet-Café in Peking Bild: dpa

Hinter der „großen Firewall“ entwickelt sich China zur digitalen Supermacht: Mehr als 200 Millionen Chinesen surfen im Netz, und 550 Millionen telefonieren mobil. 2015 werden neun von zehn Chinesen Zugang zu digitalen Diensten haben.

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          Internet in China während der Olympischen Spiele bedeutet vor allem eine Diskussion über Zensur und Überwachung. Doch trotz dieser politischen Freiheitsberaubung entwickelt sich China hinter der „großen Firewall“ zu einer digitalen Großmacht: Internet- und Mobilfunkmärkte legen jedes Jahr um etwa 20 Prozent zu. Schon die Hälfte der etwa 1,3 Milliarden Chinesen nutzt Internet oder Mobiltelefon, vor allem in den Städten.

          Wenn das Wachstum beibehalten wird, könnte der Anteil bis zum Jahr 2015 auf knapp 90 Prozent zulegen, schätzt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Die 210 Millionen Internetnutzer, die bis Ende 2007 in China gezählt wurden, sind im Durchschnitt fast drei Stunden online am Tag. „Die Chinesen lieben vor allem die persönliche Kommunikation im Internet“, sagt Christoph Nettesheim. Senior Partner der Beratungsgesellschaft BCG. Deshalb sind Instant-Messaging- Dienste sehr beliebt. Diese Form der Echtzeitkommunikation, die in Europa vor allem von Jugendlichen eingesetzt wird, ist in China weiter verbreitet als die E-Mail.

          Das Netz dient dort auch in weit höherem Maße zur Unterhaltung als im Westen: Musik aus dem Netz laden, Filme anschauen oder online gegeneinander spielen gehört zu den häufigsten Internetanwendungen in China. Besonders beliebt sind auch Web-2.0-Dienste: Mehr als die Hälfte der in Städten lebenden Internetnutzer lesen und schreiben Blogs oder diskutieren in Foren mit. Diese hohe Verbreitung der alternativen Medien wird vielfach als direkte Folge des restriktiven politischen Systems interpretiert: In Ländern mit politisch einseitigen Massenmedien haben Blogs oft eine hohe Bedeutung.

          Wenig Online-Banking oder elektronischer Handel

          Dagegen liegen die Chinesen in Online-Bankgeschäften und dem elektronischen Handel weit hinter dem westlichen Niveau zurück. Die BCG-Berater haben eine tiefsitzende Angst vor Betrug und schlechter Qualität der gelieferten Waren als Gründe für diese Zurückhaltung ausgemacht.

          Aufgrund von Piraterie und niedrigem Preisniveau haben die großen, international tätigen Internetunternehmen in China bisher nicht richtig Fuß gefasst. „Die Marktführer sind fast ausschließlich lokale Unternehmen wie Tencent oder Sina. Sie haben ihre internationalen Konkurrenten durch aggressive Investitionen, eine sehr schnelle Anpassung ihrer Dienste an den chinesischen Geschmack und die Entwicklung vielversprechender Geschäftsmodelle aus dem Feld geschlagen“, sagt Nettesheim, der für die Beratungsgesellschaft in Peking arbeitet. Unter den Portalen liegen die chinesischen Anbieter Sina.com und Sohu.com weit vor dem einzigen großen amerikanischen Anbieter Yahoo. Den Markt für Instant-Messaging-Systeme dominiert QQ von Tencent. Microsoft (21 Prozent), Yahoo (9 Prozent) und AOLs ICQ (3 Prozent) spielen nur untergeordnete Rollen. Selbst Google wird nur von 36 Prozent der Chinesen genutzt, die ansonsten fast ausschließlich die einheimische Suchmaschine Baidu einsetzen.

          Die chinesische Internetbegeisterung hat weitreichende Folgen für alle multinationalen Unternehmen, die Zugang zum chinesischen Markt bekommen wollen. „Die Entscheidungen über Produktkäufe fallen heute sehr oft im Internet. Da die traditionellen Medien kaum Produktvergleiche anstellen, wird sehr oft in Foren über die Vorzüge oder Nachteile bestimmter Produkte diskutiert. Wer in China Geschäfte machen will, muss dort präsent sein“, sagt Nettesheim. Dagegen geben zahlreiche internationale Unternehmen aus dem Westen in China noch viel Geld für traditionelle Werbung aus, meist im Fernsehen. „Viele Unternehmen riskieren, ihre Zielgruppen nicht zu erreichen, weil die Verbraucher zunehmend im Internet aktiv sind und nicht etwa fernsehen oder Zeitung lesen. Internationale Unternehmen müssen in China grundlegend neu darüber nachdenken, wie sie die chinesischen Verbraucher erreichen und eine Beziehung mit ihnen aufbauen können.“

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