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China-Experte Heilmann im Gespräch : „Bald werden uns die Chinesen abhängen“

  • Aktualisiert am

Wer zuletzt lacht... Plakatwerbung in Peking Bild: dpa

Nicht nur das nächste Facebook wird aus China kommen, glaubt Sebastian Heilmann. Der China-Fachmann im Gespräch über den zähen asiatischen Sozialismus, Marktwirtschaft im Feldversuch und beängstigende Innovationen.

          5 Min.

          Sebastian Heilmann erforscht, wie Experimentalprogramme zu wirtschaftlichen und politischen Neuerungen führen. Seit 1999 ist er an der Universität Trier mit Schwerpunkt Ostasien tätig. An der Harvard University leitet er zusammen mit Professor Elizabeth Perry das Projekt „Adaptive Authoritarianism“. Mit Heilmann sprachen Rainer Hank und Winand von Petersdorff.

          Herr Heilmann, warum ist das Wirtschaftssystem in China nicht längst zusammengebrochen?

          Das haben nach 1989 alle Kundigen prophezeit. Aber dann kam es anders: Nicht China, sondern all diese Szenarien sind kollabiert. Die Vorurteile des Kalten Kriegs funktionieren für China nicht.

          Sebastian Heilmann: „Experimente vermeiden Grundsatzkonflikte”

          Was ist daran so falsch?

          Wir haben die Innovationsfreude Chinas unterschätzt. Wir haben lange nicht richtig verstanden, wie Wirtschaftspolitik in China gemacht wird. Das zentralistische Element wurde überschätzt. Die Neuerungen, die aus dezentral durchgeführten Experimenten kommen, wurden unterschätzt.

          Kommunismus und Experimentieren sind ein Widerspruch in sich.

          Wenn Sie an die DDR oder die Sowjetunion denken, haben Sie recht. In China aber wurde selbst der Kommunismus in den 30er Jahren mittels Experimenten eingeführt. Denn das Land war viel zu groß und heterogen, um die Revolution von oben mit einem einzigen Standardrezept durchsetzen zu können. Fast jedes Dorf hatte eine besondere Eigentumsordnung, und die Kommunistische Partei war schwach. Da kamen die Chinesen auf die Idee, Politik „vom Punkt in die Fläche“ zu entwickeln, wie der Slogan heißt.

          Was ist damit gemeint?

          Nur was sich lokal bewährt, hat Chancen, regional oder national zu überleben. Alles muss erst ausprobiert werden.

          Diesen Slogan nutzen die Chinesen auch für die Transformation zur Marktwirtschaft?

          Das Transformationsmuster aus der Revolutionszeit ist ein Erfolgsgeheimnis der Reformpolitik. Nur: Als Ziel wurde nicht mehr Sozialismus, sondern Wirtschaftswachstum festgelegt. Dieses Ziel ist messbar. Aber die politische Führung sagt zugleich: Wie dieses Ziel zu erreichen ist, das müssen wir durch Experimentieren herausfinden.

          Es gab also keinen politischen Grundsatzbeschluss, dass jetzt der Kapitalismus eingeführt wird?

          Nein. Am Anfang der wirtschaftlichen Reformen ging es schlicht um das Wachstumsziel, Grundsatzdebatten etwa über Privateigentum kamen erst viel später auf. Aber Experimente mit der Marktwirtschaft wurden ermuntert, sofern sich herausstellen sollte, dass sich damit der Wohlstand mehren lässt.

          Was ist denn der Vorteil dieses Experimentierens?

          Experimente vermeiden Grundsatzkonflikte. Skeptiker lassen sich beschwichtigen, indem man darauf verweist, dass Experimente jederzeit abgebrochen werden können, wenn etwas schiefläuft.

          Ein Beispiel, bitte.

          Zu Beginn der 1990er Jahre machten einige Reformer den Vorstoß, in China Aktienbörsen „auf experimenteller Basis“ zu errichten. Kritiker wurden beruhigt, indem man das ganze Programm als Kapitalbeschaffung für die Staatsbetriebe verkaufte. So sollte der Sozialismus nicht beschädigt, sondern, im Gegenteil, gestärkt werden. Das hat sogar die strengsten Kommunisten überzeugt, schließlich musste keine Privatisierung befürchtet werden.

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