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China-Experte Heilmann im Gespräch : „Bald werden uns die Chinesen abhängen“

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Und 200 Millionen arme Wanderarbeiter?

Die sind nicht alle nur arm, sondern darunter gibt es auch viele erfolgreiche Selfmademen, die viel Geld und Knowhow in ihre Heimatregionen transferieren. Die wahren Armen sind die Bauern, die auf der Scholle festgenagelt sind und in der Landwirtschaft nicht genug Einkommen erzielen. Das sind mehrere hundert Millionen. Und unter diesen kommt es immer wieder zu Unruhen.

Gleichzeitig wächst die Ungleichheit. Was ist an China noch sozialistisch?

Es gibt in China eine „Neue Linke“, die genau diese neue Ungleichheit geißelt und einen Ausbau des Wohlfahrtsstaates fordert. Sie findet Gehör. Die Regierung setzt seit 2003 eindeutig auf mehr Umverteilung und einen besseren Schutz der Arbeitnehmer. Das findet in der Bevölkerung Anklang.

Wohlhabende Gesellschaften werden zu Wohlfahrtsstaaten.

Die Menschen in China erwarten viel vom Staat, viel mehr als in Amerika. Da bahnt sich eher eine Konvergenz an mit den kontinentaleuropäischen Staaten wie Deutschland und Frankreich.

China verdankt seinen Aufstieg der Imitation westlicher Industrie. Innovationen fehlen.

Falsch. Technologiepolitik in China hat eine extreme Innovationsgeschwindigkeit. China wird schnell zum Hochtechnologieland. Selbst auf Feldern, auf denen wir uns noch sicher fühlen - Solarenergie oder Maschinenbau -, werden uns die Chinesen bald einholen.

Als Hersteller, nicht als Entwickler.

Täuschen Sie sich nicht. Die Chinesen sind Erfinder. Unternehmer, die vor vier Jahren noch Schuhe gemacht haben, sind heute in der Solarbranche tätig und rekrutieren in- und ausländische Ingenieure für die Entwicklung neuer Produkte. Die Entwicklung ist rasant.

Das nächste Facebook kommt aus China?

Von dort wird noch viel mehr kommen.

Vom Sozialismus bleibt wenig.

Die Chinesen lösen sich von westlichen Modellen, arbeiten stattdessen an einem neuen Leitbild, das auf traditionelle, moderne und nationalistische Elemente zurückgreift. Einige Vordenker sagen ganz offen: China ist wieder erfolgreich und mächtig. Jetzt bauen wir ein eigenes System auf. Wir wollen den Individualismus, Pluralismus und den Freiheitsbegriff des Westens nicht. Stattdessen brauchen wir einen starken, fürsorglichen Staat, der durch regelmäßige Konsultationsverfahren, nicht aber durch Wahlen an den Willen der Bürger zurückgebunden ist.

Wir werden also einen neuen Systemwettbewerb bekommen?

Wir haben ihn schon. Das marktwirtschaftliche Modell des Westens hat weltweit bereits erheblich an Anziehungskraft verloren . . .

. . . die Entwicklungsländer wenden sich China zu . . .

. . . so ist es. Inder, Afrikaner und Südamerikaner sind alle beeindruckt vom Erfolg der Chinesen.

Was kann Deutschland lernen?

Wir müssen beweglicher werden und politisch mehr experimentieren. Wir sind in Deutschland zu selbstgefällig. Auch wir brauchen Räume zum Ausprobieren.

Sonderwirtschaftszonen für Deutschland mit eigenem Steuer- und Arbeitsrecht?

Warum nicht? Gerade Zeiten der Unsicherheit bieten die beste Gelegenheit, um neue Lösungsmöglichkeiten zu erkunden. Politische Lähmung ist jedenfalls keine Antwort.

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