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China-Experte Heilmann im Gespräch : „Bald werden uns die Chinesen abhängen“

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Alle Experimente können das ökonomische Gesetz nicht außer Kraft setzen: Die Öffnung der Märkte für den Welthandel ist der Kern von Chinas Aufstieg zur Wirtschaftsmacht.

Gewiss, das ökonomische Gesetz gilt überall. Aber es gibt nicht nur einen Weg nach oben.

China hat die Ratschläge liberaler Ökonomen oder von Weltbank und IWF verschmäht?

China hat nur jene westlichen Konzepte genutzt, die in das chinesische Interesse und in den chinesischen Kontext passten. Ansonsten wittern die Chinesen hinter vielen westlichen Ratschlägen die Absicht, in Wirklichkeit den Aufstieg Chinas bremsen zu wollen.

Und? Stimmt das?

Da ist etwas dran.

Was ist denn die Alternative zur Liberalisierung der Märkte?

Es geht nicht um Alternativen, es geht um Übergangsstrategien. Zum Beispiel Chinas ländliche Unternehmen. Diese ursprünglich im kommunalen Eigentum befindlichen Betriebe gerieten in den 80er Jahren zunehmend unter die Kontrolle privater Unternehmer. Die örtlichen Regierungen ließen diese Unternehmen aber weiterhin offiziell als Kollektivunternehmen firmieren. Denn größere Privatunternehmen waren damals noch verboten. Erst als sich die politische und rechtliche Lage klärte, hatten diese Betriebe ihr großes „Coming out“ als Privatunternehmen.

In Deutschland hätte man diese Unternehmen geschlossen, weil sie verboten waren.

Wahrscheinlich. In China waren sie auch verboten, aber geduldet. Das war eines der produktivsten Vehikel des Übergangs.

Welche Rolle spielt das Privateigentum?

Eine geringere, als es marktwirtschaftliche Puristen gerne hätten. An Chinas bedeutendsten Unternehmen können private und ausländische Investoren inzwischen zwar Anteile erwerben. Die Aktienmehrheit wird aber fast ausnahmslos weiterhin von staatlichen Stellen kontrolliert. Kompliziert wird die Lage dadurch, dass hinter manchen staatlichen Unternehmensanteilen in Wirklichkeit private Investoren stehen, die auch Einfluss auf das Management ausüben. Chinas Eigentumsordnung ist ein unübersichtlicher Flickenteppich.

Marktwirtschaften können erfolgreich sein, obwohl ihre Eigentumsordnungen nicht perfekt sind.

China demonstriert dies. Dazu beigetragen hat vor allem, dass das politische Umfeld stabil ist. Das ist der große Unterschied Chinas zu vielen Entwicklungsökonomien.

Gibt es eigentlich 20 Jahre nach den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens gar keine Freiheitsbewegung mehr?

Die Gewinner der Wirtschaftsreformen kontrollieren auch das politische System. Die wirtschaftlichen und politischen Eliten stützen einander. Die wirtschaftlich Zurückbleibenden und Unzufriedenen bleiben hier außen vor.

Aber im Maße ihrer Aufklärung und ihres Wohlstands werden die Eliten Demokratie verlangen.

Täuschen Sie sich nicht. Der Gegensatz Bürger versus Staat, den wir aus unserer Geschichte kennen, existiert in China in dieser Form nicht. Die größten Unternehmen Chinas kommen aus der Staatswirtschaft. Die Mittel- und Oberschichten unterhalten eine symbiotische Beziehung zum Staat. Die Marktwirtschaft hat das Staatssystem bislang gestärkt und nicht geschwächt, so paradox das klingt.

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