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Stimmt das? : Die Chinesen sind an allem schuld

Auf die Chinesen lässt sich leicht einschlagen Bild: Basil Pao

Ob Benzin teurer wird, Menschen hungern oder das Klima kollabiert: China trägt die Schuld. Was sollen wir mit diesem Land nur machen? Es ist verdächtig einfach, China anzuprangern.

          5 Min.

          Neulich in Peking. Ich machte den Fehler, aus dem Fenster meines Hotels zu schauen. Und was sah ich? Nichts. Alles grau. Suppe. Bitterfeld. Ruhrpott. Vom neuen China keine Spur. Kein Vogelnest-Stadion. Kein Kaiserpalast. Der Turm des Staatsfernsehens schraubte sich ins Nichts. Wo war es, das glänzende China, das die Olympischen Spiele ausrichtet?

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Verschwunden hinter einer Wand aus Smog, der erbärmlich in der Lunge stach. 50 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele stuft selbst die Pekinger Umweltbehörde die Luftqualität der Hauptstadt als „gefährlich“ ein. So undurchdringlich die schwefelige Glocke über der Stadt hing, so sorgte sie doch für Klarheit. Denn deutlich wie selten sah man, wie ein Land wächst und sich dabei auffrisst.

          Die Litanei vom bösen China

          Wem in Peking der Atem wegbleibt, der ist offener denn je für die Litanei vom bösen China. Sie geht so: Die Volksrepublik produziert 80 Prozent der Eisschränke, alle Klimaanlagen, die Schuhe, Fernseher und T-Shirts dieser Welt. Übrig bleiben verseuchte Seen, saure Böden, dicke Luft. Dabei verbraucht die viertgrößte Wirtschaftsnation der Erde mehr und mehr Rohstoffe.

          Um seine wachsenden Bedürfnisse zu sichern, fördert China Gas in Burma, schlägt Tropenholz in Kambodscha, verbündet sich mit Afrikas Diktatoren. (Serie: Chinas Außenpolitik) Mit diesen Rohstoffen fertigt China Produkte wie Hundefutter, Zahnpasta oder Kinderspielzeug, die für den Benutzer tödlich sein können. Weil sich aber mit der Billigfertigung trefflich Geld verdienen lässt, werden die Chinesen immer reicher. Gleich, ob in China heute noch mehr als 300 Millionen der Ärmsten leben, die Entwicklungshilfe gehört deshalb gestrichen. Wer mehr Geld hat, verbraucht freilich nicht nur mehr Sprit, sondern isst auch mehr Schnitzel. Deshalb steigen rund um die Erde die Preise für Getreide, Fleisch und Milch. Nun dämmert es: China ist an allem schuld.

          Ist China an allem schuld? Oder sind es nicht eigentlich wir, die diese Schuhe anziehen, diese Eisschränke mit Bier beladen, mit diesen Fernsehern die Europameisterschaft gucken? Und das alles für wenig Geld, denn „Geiz ist geil“. Zwar muss der chinesische Wanderarbeiter für 300 Euro im Monat schuften. Aber abends vor der Tagesschau klagen wir über die miserable Lage der Menschenrechte im Reich der Mitte.

          Alte Feindbilder

          Auf niemanden lässt sich so fabelhaft einschlagen wie auf die Chinesen. Dank der Globalisierung ist es inzwischen ganz gleich, wo auf der Welt es brennt – in irgendeiner Form wird China schon beteiligt sein. Afrikanische Despoten lenken keine Weltmacht. Indische Politiker sind zwar bestechlich, aber Demokraten. Und Amerika führt Angriffskriege und foltert, aber es weist der Welt den rechten Weg. China indes macht falsch, was nur falsch zu machen ist.

          Seine Regierenden sind verknöcherte Parteibonzen, korrupt bis ins Mark. Sie lachen schemenhaft, winken steif, und zum Mittagessen verspeisen sie Dissidenten. Es ist dieses alte Feindbild, es ist diese Sinophobie, es ist der schnell dahergesprochene Satz von der „gelben Gefahr“, die immer dann abgerufen werden, wenn etwas schiefläuft.

          Wenn Hollywood-Diva Sharon Stone von Karma schwadroniert, welches als Antwort auf die Tibet-Krise das Erdbeben über die Chinesen habe hereinbrechen lassen, springt sie nicht nur ins Fettnäpfchen. Der Satz der Schauspielerin unterstreicht die Wahrnehmung des Westens – China, die Ausgeburt des Bösen, von Gottes Hand gestraft. Dass das Land – geführt von derselben Partei – Hunderte von Millionen Menschen aus bitterster Armut befreit hat, fällt da leicht unter den Tisch.

          Boykottieren und brüskieren?

          Angesichts von Olympia fordert Elke Heidenreich den umfassenden China-Boykott: „Mit solch einem Land verhandelt man nicht – das boykottiert man, das brüskiert man, Schluss, aus. Ich verstehe überhaupt nicht, wenn irgendwer dorthin fährt.“

          Wahr ist, dass die Idee Olympia an der Chinesischen Mauer gescheitert ist: Angekündigt als Methode, Peking zu mehr Offenheit zu zwingen, führte sie nur zu einer perfideren Art der Unterdrückung. Ganz anders aber klingt Jürgen Hambrecht: „Jetzt reicht’s“, ruft der Vorstandsvorsitzender von BASF – Hauptinvestor im Reich der Mitte – sowie amtierender Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Dann schlüpft er in die Rolle des Anwalts der Kommunistischen Partei und liest China-Kritikern die Leviten: „Niemand kann doch ernsthaft erwarten, dass China jetzt schnell einen Sprung in die Demokratie macht, wofür wir Deutsche Jahrhunderte gebraucht haben. Was ich erwarte, ist Respekt vor der Leistung und der marktwirtschaftlichen Öffnung der Chinesen seit 1989. China ist bemüht, Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu gehen.“

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