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Exil-Tibeter in der Schweiz : „Ihr seid in Europa, ihr seid unsere Hoffnung!“

Tendon Dahortsang, eine Schweizerin tibetischen Ursprungs, koordiniert Protestaktionen Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Nirgends in Europa leben mehr Tibeter als in der Schweiz. Auch im buddhistischen Kloster von Rikon in den Schweizer Bergen tritt der Generationenkonflikt zutage, den es in Tibet gibt: Die Jungen wollen um jeden Preis etwas bewegen, die Alten predigen den Gewaltverzicht.

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          Links des Flusses schmiegen sich Häuser mit hölzernen Fensterläden an den Hang. Rechts des Flusses steht eine kleine Fabrik. Nur die Imbissbude am Bahnhof von Rikon im Kanton Zürich will nicht recht in die Schweizer Idylle passen. Hier gibt es „täglich frische tibetische Momo“, mit Rindfleisch gefüllte Teigtaschen, dazu „Free-Tibet-Wein“, den die „Lhasa Boys Vereinigung Schweiz“ vertreibt. Lächelnd grüßt der Dalai Lama von der Wand. In Rikon steht das erste auf seinen Wunsch errichtete buddhistische Kloster außerhalb Asiens.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Das Dorf ist der wichtigste spirituelle Ort für die Exil-Tibeter in der Schweiz. Etwa 3500 Tibeter leben in dem Alpenstaat, dreimal so viele wie in allen anderen europäischen Ländern zusammen. Im „Klösterlichen Tibet-Institut“ in Rikon wird für die Glaubensbrüder und -schwestern in Tibet gebetet. Auch hier in den Schweizer Bergen tritt der Generationenkonflikt zutage, der den Konflikt in Tibet prägt: Die Jungen wollen um jeden Preis etwas bewegen, die Alten predigen den Gewaltverzicht.

          Zum Geburtstag kommt der Dalai Lama

          Zum Kloster geht es hinter der Fabrik eine steile Straße hinauf. Ohne die Fabrik unten im Tal wäre das Kloster nie dort hinaufgekommen. Nach der Flucht des Dalai Lamas ins indische Exil 1959 verließen 90.000 weitere Tibeter ihre Heimat. Als erstes europäisches Land nahm die Schweiz 1961 tausend tibetische Flüchtlinge auf. Die Metallwarenfabrikanten Henri und Jacques Kuhn aus Rikon gaben in den folgenden Jahren Dutzenden Tibetern Arbeit und Unterkunft. Als sie merkten, dass die Exilanten nicht heimisch wurden in den Schweizer Bergen, bauten sie ihnen ein Kloster. Der Dalai Lama schickte 1967 einen Abt und vier Mönche nach Rikon.

          Im Kanton Rikon steht das erste europäische Tibeter-Kloster

          In diesem Jahr feiert das Kloster sein vierzigjähriges Bestehen. Zum Fest im Oktober wird der Dalai Lama erwartet. Heute leben neun Mönche und ein Abt im Tibet-Institut. Sie bieten Meditationskurse und Buddhismus-Seminare an. Seit 2001 läuft das vom Dalai Lama angeregte Programm „Science Meets Dharma“, eine naturwissenschaftliche Ausbildung der Mönche, die eine Brücke zwischen Klosterleben und der modernen Welt schlagen soll.

          Vor dem weißen Gebäude wehen die Schweizer, die tibetische und die buddhistische Flagge. In den Bäumen hängen verblichene Gebetsfähnchen; durch den Wald blitzt die goldene Verzierung der „Stupa“, einer buddhistischen Kultstätte, die 1985 vom Dalai Lama geweiht wurde und an der die Tibeter ihre Opfergaben hinterlassen. Eine Sammlung geopferter Teddybären zeugt von der westlichen Prägung der Buddhisten von Rikon. Vor der Gebetszeremonie ist die Stimmung unter den Tibetern heiter. Viele sprechen Schweizerdeutsch miteinander. Die älteren Frauen sind in Trachten gekommen, die Mode der wenigen jungen Frauen deutet auf ein Großstadtleben. Neuigkeiten aus Tibet hat niemand. Zu groß sei die Angst, am Telefon offen zu sprechen.

          Melodiöser Dialog mit den Mönchen

          Einer der Alten, die gegen die Gewalt der protestierenden Tibeter anreden, ist Karma Parming, Präsident der Tibetergemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein. Parming spricht zum Ende der zweistündigen Gebetszeremonie im engen Kultraum des Instituts. Überall sitzen Tibeter, kein Fuß passt mehr auf den Boden. Einzelne westliche Gesichter sind unter den Betenden. Parming appelliert auf Tibetisch und Deutsch an die Gemeinde, „den von Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, begonnenen Weg der Gewaltlosigkeit nicht zu verlassen“.

          Seine Rede unterbricht die meditative Gebetshaltung der Tibeter, die während der Zeremonie in anhaltendem Singsang einen melodiösen Dialog mit den Mönchen führen. Auf dem Thron im Kultraum, der immer für den Dalai Lama reserviert ist, steht an diesem Wochenende nur sein Foto. Trotzdem schenkt einer der rotgewandeten Mönche dem Oberhaupt der Tibeter eine Tasse Tee ein und stellt sie vor das Bild. Erst danach wird auch allen anderen eingeschenkt.

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