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Exil-Tibeter in der Schweiz : „Ihr seid in Europa, ihr seid unsere Hoffnung!“

Später, nachdem vor dem Kloster die tibetische Hymne gesungen worden ist, spricht Parming seine Sorgen deutlicher aus. „Wenn der Dalai Lama in den nächsten Jahren keinen Erfolg vorweisen kann, weiß niemand, wie die Jugendlichen darauf reagieren werden.“ Erfolg, das sei ein Dialog mit den Chinesen. Die indische Organisation „Tibetan Youth Congress“, die angibt, sie habe 30.000 Mitglieder auf der ganzen Welt, führt Parming als Beispiel für eine radikale, gewaltbereite und unberechenbare Jugendbewegung an, die bereit sei, dem Dalai Lama seine Führungsrolle abzusprechen. Auch in der Schweiz gebe es „Hitzköpfe“. Kürzlich mischten sich Steinewerfer unter friedliche Demonstranten vor dem chinesischen Konsulat in Zürich. Sie müssten dringend beruhigt werden, zum Beispiel durch Zeremonien wie das gemeinsame Beten für den Weltfrieden an diesem Tag, sagt Parming.

„Ihr seid in Europa, ihr seid unsere Hoffnung!“

Als hätte sie mitgehört, sagt die Frau, die an diesem Tag die jungen Tibeter vertritt, kurz vor Beginn der Gebete: „Diese zwei Stunden der Zeremonie sind für mich wichtig, um einmal wieder zur Ruhe zu kommen.“ Doch die Unruhe von Tendon Dahortsang ist nicht von der Art, wie die älteren Exiltibeter sie fürchten. Die 27 Jahre alte Schweizerin tibetischen Ursprungs hat Protestaktionen koordiniert. Sie ist Präsidentin des Vereins Tibeter Jugend in Europa, einer Vereinigung mit rund 400 Mitgliedern.

An der Störaktion während der Entzündung des olympischen Feuers in Griechenland waren Leute ihres Vereins beteiligt. In Genf haben sie vor der Zentrale des Internationalen Olympischen Komitees protestiert. Eigentlich ist Frau Dahortsang Rechtsreferendarin. Über ihrem traditionellen blauen Gewand trägt sie einen engen Wollmantel, dazu hohe Stiefel. Ein Anstecker zeigt die tibetische Flagge. „Den trage ich eigentlich immer“, sagt sie.

Sie war zwei Monate alt, als sie mit ihrer Mutter über Nepal in die Schweiz kam. Ihr Vater konnte erst 13 Jahre später aus Tibet ausreisen. Nur einmal war Tendon Dahortsang bisher in Tibet, sie war damals 21 Jahre alt. Während eines Besuchs im Potala-Palast, der ehemaligen Residenz des Dalai Lamas in der tibetischen Hauptstadt Lhasa, habe ein Mönch sie am Arm gefasst und angefleht: „Tut etwas für uns, ihr seid in Europa, ihr könnt studieren, ihr seid unsere Hoffnung!“ Seither weiß sie, dass sie „für die tibetische Sache kämpfen will“.

„Logische Reaktion auf fünfzig Jahre Unterdrückung“

Tendon Dahortsang verurteilt die Gewalt der Protestierenden in Tibet nicht. Sie will erst gar nicht von Gewaltakten sprechen, sondern von einer „logischen Reaktion auf fünfzig Jahre Unterdrückung“. Es werde noch mehr passieren, eine Lawine sei losgetreten, und endlich hielten durch die mediale Vernetzung alle Provinzen zusammen. Ihr Verein wolle aber keine Gewalt anwenden, sondern „gewaltvolle Bilder“ erzeugen, wie die Fotos blutrot angemalter Aktivisten in Olympia.

Wenn die Rede auf den Dalai Lama kommt, fordert Frau Dahortsang bedingungslose Loyalität. „Seine Heiligkeit ist für uns der größte Widerstandskämpfer“, sagt sie. Es gebe Weisheiten, die sie und ihre Mitstreiter beachteten, etwa „Töte keine Tiere“ oder „Rege dich nicht unnötig auf“. Sie hätten aber eher ein philosophisches Interesse an den buddhistischen Texten, sie gingen an sie heran „wie an Texte von Kant oder Schopenhauer“.

In der Loyalität zum Dalai Lama sind sich die Jungen und die Alten in Rikon einig. Auch der Sondergesandte des Dalai Lamas in Europa, Kelsang Gyaltsen, ist gekommen. Er hatte als junger Mensch dasselbe Amt inne wie jetzt Tendon Dahortsang, war Präsident des Vereins der Tibeter Jugend in Europa. Gyaltsen sieht noch keine Gefahr in der Aktionsbereitschaft der jungen Tibeter, ob in Europa oder Asien. Die Gewaltbereiten seien in der Minderheit. Die Mehrheit, dazu zählt er auch Tendon Dahortsang und ihren Verein, sei friedlich, zugleich aber kreativer, engagierter und entschlossener als zu seiner Zeit.

In Zürich sprühten junge Schweizer und Tibeter gemeinsam mit Graffiti-Künstlern den Spruch „Stand up for Tibet“ an eine Wand. „Ganz legal“, wie die Juristin Dahortsang beteuert. Das ist ihre Form der Solidaritätsbekundung mit den Brüdern und Schwestern in Tibet.

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