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Dalai Lama in Paris : Sarkozys diplomatischer Kniefall vor Peking

Der Dalai Lama hat einen zwölftägigen Besuch in Paris begonnen Bild: AP

Den Dalai Lama, der zu einem Besuch in Frankreich weilt, wird Carla Bruni-Sarkozy treffen. Ihr Mann, der französische Präsident, will das Oberhaupt der Tibeter nicht empfangen. Unverhohlen hatte Peking mit „schlimmen Folgen“ gedroht.

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          Ganz ohne republikanischen Pomp und Prunk hat der Dalai Lama am Montag in Paris einen zwölftägigen Besuch begonnen. Den Elysée-Palast hatte die Visite des geistigen Oberhaupts der Tibeter in Frankreich just während der Olympischen Spiele unter qualvollen Entscheidungszwang gestellt. Nicolas Sarkozy zauderte noch, als der chinesische Botschafter in Paris ihm Anfang Juli unverhohlen drohte: Sollte der französische Präsident diesen „Sezessionisten“ empfangen, würde China gewisse Vertragsabschlüsse überdenken. Ein Empfang des Dalai Lama könnte „schlimme Folgen“ für das französisch-chinesische Verhältnis haben.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Außenminister Kouchner berief zwar diensteifrig den drohenden Botschafter in sein Ministerium ein, aber dabei blieb es. Sarkozy reiste zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele nach Peking, freute sich öffentlich über die Vereinbarung zwischen dem Elektrizitätsversorger EDF und dem chinesischen Nuklearunternehmen Guangdong Nuclear Power über den Bau von zwei Atomkraftwerken in China - und entschied, den Dalai Lama nicht zu empfangen.

          „Es gibt eine Verbindung“

          Der frühere Premierminister Jean-Pierre Raffarin, der sich um den Posten des Senatspräsidenten bewirbt, brachte das Acht-Milliarden-Euro-Atomgeschäft am Montag in Zusammenhang mit dem französischen Entgegenkommen gegenüber der chinesischen Führung. „Es gibt eine Verbindung“, sagte Raffarin und verwies auf das Gespräch Sarkozys mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao. Sarkozy hatte sich in Peking bemüht, die chinesische Verstimmung über die Proteste in Paris beim Fackellauf mit der olympischen Flamme beizulegen. Deshalb lehnte er es auch ab, den Dalai Lama zu treffen, obwohl sich Bundeskanzlerin Merkel, der britische Premierminister Brown und der amerikanische Präsident Bush zuvor über ähnliche chinesische Drohungen hinweggesetzt hatten.

          „Später“, teilten Präsidentenberater in Paris mit, könnte es zu einer Begegnung zwischen Sarkozy und dem Dalai Lama kommen. Wann „später“ sein soll, ist unklar. Im Oktober findet der EU-Asien-Gipfel in China statt, im Dezember ein EU-China-Gipfel in Frankreich.

          Peinliche Berührtheit

          Eine gewisse peinliche Berührtheit ob des diplomatischen Kniefalls vor Peking konnte auch das offizielle Kommuniqué des Elysée-Palastes nicht verdecken. „Der Präsident der Republik versteht die Gründe, die den Dalai Lama unter den gegebenen Umständen dazu geführt haben, keine Unterredung während seines Aufenthalts in Frankreich zu wünschen“, teilte der Präsidentenpalast mit.

          Im Präsidentenlager regt sich Widerstand gegen Sarkozys Beschwichtigungspolitik gegenüber China. „Ist das das Frankreich der Menschenrechte?“, fragte der UMP-Abgeordnete Lionnel Luca am Montag aufgebracht in der Tageszeitung „Le Parisien“. Er empfindet es als beschämend, dass der Dalai Lama nur in einem Hinterzimmer des Senats zu einem politischen Gespräch empfangen wird. Der Senatspräsident Poncelet hatte sich geweigert - wie zuvor der Präsident der Nationalversammlung, Accoyer -, dem Dalai Lama einen großen Sitzungssaal zur Verfügung zu stellen.

          Deshalb können nur eine Handvoll Parlamentarier am Mittwoch den Dalai Lama treffen, im Büro des Senatoren Hubert Haenel, das etwas geräumiger ist als die gewöhnlichen Senatorenbüros. „Der Senat und die Nationalversammlung haben Ingrid Betancourt mit großem Pomp empfangen, aber den Dalai Lama lässt man über den Keller hereinkommen“, kritisierte der Abgeordnete Luca. Der Dalai Lama sei immerhin mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.

          Eine „rein religiöse Visite“

          Im Elysée-Palast ist der Besuch des Dalai Lama unterdessen als „rein religiöse Visite“ dargestellt worden. Kouchner hatte im März angekündigt, den Dalai Lama empfangen zu wollen, aber hat seither so getan, als sei er über den Aufenthalt des Dalai Lama in Frankreich nicht unterrichtet. Auch die Staatssekretärin für Menschenrechte, Rama Yade, hatte nach den blutigen Unruhen in Tibet im Frühjahr gesagt, sie wolle mit dem geistigen Oberhaupt der Tibeter zusammentreffen - ebenfalls ohne Terminangabe.

          An diesem Dienstag wird der Dalai Lama in der größten buddhistischen Pagode Khanh Anh auf französischem Boden in der Pariser Vorstadt Evry erwartet. In den folgenden Tagen fährt er in die Normandie und in die Bretagne. In Frankreich leben rund 600.000 Buddhisten. Am 22. August weiht der Dalai Lama in Roqueronde in Südfrankreich einen buddhistischen Tempel ein - und Sarkozy hat sich entschlossen, seine Frau zu der religiösen Zeremonie in der Nähe ihres Urlaubsdomizils zu entsenden. Mit Carla Bruni als Emissärin beim Dalai Lama will Sarkozy die Kritik der Linksopposition besänftigen.

          Die französischen Staatspräsidenten taten sich lange schwer mit der Anerkennung des Dalai Lama. Erst 1982, unter dem Sozialisten Mitterrand, erhielt er ein Einreisevisum. 1993 empfing Mitterrand ihn zum ersten Mal im Elysée-Palast. Neunmal ist der Dalai Lama inzwischen in Frankreich gewesen.

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