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Schanghai : Die Stadt der Träume

  • -Aktualisiert am

Frühaufsteher Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Eine Schlange im Bus, ein reuiger Dieb und Tai-Chi-Übungen auf dem Standstreifen: Unterwegs in Schanghai, Chinas schlafloser Metropole.

          5 Min.

          Kenny ist mein neuer bester Freund. Kenny ist Mitte Vierzig, gelernter Friseur und war mal in London. Jetzt sitzen wir gemeinsam in seinem neuen Club im französischen Viertel, jenem Teil von Schanghai, der in den Zwanzigern von der französischen Mandatsmacht der korsischen Mafia zur Bewirtschaftung überlassen wurde. Heute stehen hier noch schöne Altbauten, und Platanen säumen die Straßen, auch die Nanchang Road, in der Kenny ein Cafe betreibt, das „Ing/Ang“. Das hat große schöne Fenster und ist am Nachmittag oft ganz leer. Dann sitzt Kenny am Fenster und schaut auf die Stadt, seit zwölf Jahren macht er das schon. „Ich sitze in meinem Cafe wie in einem Zugabteil, bloß daß ich mich nicht von der Stelle bewege, während Schanghai rast.“ Die Formel-eins-Rennstrecke, die Magnetschwebebahn, die Autobahnen sind gebaut worden, während Kenny aus dem Fenster schaute. Und fast zweitausend Hochhäuser. Darunter fallen nur die, die mehr als achtzehn Stockwerke zählen. Kleinere gibt es doppelt so viele.

          Im Keller unter dem Cafe hat Kenny nun einen Club aufgemacht. Man sieht Bruce-Lee-Filme auf einer Waschbetonwand, trinkt Flaschenbier, sitzt auf Hockern und hört komische Musik. „Einen schönen Club hast du da, Kenny“, sage ich; und daß er genauso auch in Berlin funktionieren könnte. Das freut ihn, denn er mag Europa. Bloß einen Einwand kann ich nicht unterdrücken: Der Club ist völlig leer. Es ist Samstag abend, und außer uns ist keiner da. Ich bin der einzige Gast, und ich zahle nicht einmal etwas, denn der Inhaber ist ja mein Freund. „Genau! Du hast das Konzept auf Anhieb verstanden“, strahlt Kenny. „Schanghai ist voll. Zwanzig Millionen Menschen! Aber mein Club bleibt leer! Der einzige leere Ort in dieser ganzen verdammten Stadt.“

          Tai-Chi auf der Autobahn

          Am Morgen hatte ich folgende Meldung in einer englischsprachigen Lokalzeitung gelesen: Die Autobahnpolizei mußte gestern am späten Nachmittag eingreifen, weil ein älterer Literaturprofessor seinen Wagen auf der Standspur der Autobahn geparkt hatte und daneben Tai-Chi-Figuren machte, was sowohl den Verkehr als auch ihn selbst gefährdete. Der Mann gab an, der Feierabendverkehr habe ihn so verwirrt und bekümmert, daß er zur Beruhigung augenblicklich diese Übungen habe machen müssen.

          Schanghais Skyline

          Eine Stadt wie Schanghai hat ihre Logik, aber die wird nicht allein von der so immens leistungsfähigen Wirtschaft bestimmt. Im Gegenteil: Bei allem Erfolg - Schanghai ist der Albtraum eines jeden Neoliberalen. Die Staatsquote ist immer hundert Prozent. Besitz muß sich den politischen Zielen unterordnen - auch wenn zur Zeit der Erwerb von Besitz das politische Ziel ist. Familie und Nachbarschaft sind die wichtigsten Kräfte im Alltag der Einheimischen - und wehe, das Essen schmeckt nicht. Von einer allseits flexiblen Gesellschaft ist man hier so weit entfernt wie Hans-Olaf Henkel von einer Mitgliedschaft in der chinesischen KP. Die überirdisch schöne Skyline von Pudong erleuchtet das gegenüberliegende Ufer des Jangtse, wo die weltberühmte Promenade Bund liegt, allerdings nur bis Mitternacht: Dann wird in der Weltstadt der Strom für Außenbeleuchtungen abgestellt, es muß gespart werden, und alle sollen zeitig zu Bett.

          Schlaflos in Schanghai

          Schlaf ist ein großes Thema in Schanghai. Ungezählte Menschen pendeln jeden Tag, nehmen die weitesten Wege in Kauf. Man muß lange Stunden absitzen, es gibt keine durchsetzungsfähigen Gewerkschaften. Überall sieht man Schlafende: Auf der Ladefläche eines Lkw, in der Ecke im Kaufhaus, selbst im Tempel. In der kritischen Stunde nach dem Mittagessen betrat ich ein schönes altes Teehaus. Im Erdgeschoß befand sich nur eine Art Rezeption, dort hing ein älterer Mann im Sessel, die Lider halb geschlossen. Am oberen Ende der Holztreppe wurde man von einem höflichen „Ni Hao“ begrüßt, das war ein Beo-Vogel, der den Stand der Dinge von seinem Käfig aus verfolgte. An einem langen Holztisch schliefen zwei junge Kellnerinnen, den Kopf auf ihren gekreuzten Unterarmen, hingebungsvoll und traumversunken, wie Kinder.

          In der Küche sah ich einen schlafenden Koch, und der einzige Gast war ebenfalls eingenickt. Nach einer langen, leisen Weile erwachte eine Kellnerin und brachte Tee. Sie hat nicht gelächelt oder sich entschuldigt. China ist keine Dienstleistungsgesellschaft. Später hatten sie auch Musik aufgelegt, sehr schöne, melodiöse Lieder, vorgetragen von einer ganz klaren Frauenstimme. Alle, auch die stoppelbärtigen Männer mit Zigarette sprachen den Text mit. Teresa Deng sei es, wurde mir erklärt, lange durfte sie nur heimlich gehört werden; und daß sie „ein trauriges Leben hatte: Ihr Mann war nicht treu.“

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