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Jangtse : In der Ader fließt das Leben und der Tod

Unbezähmbar

Kein anderer Strom der Erde ist so rabiat wie der „Lange Fluss“ Chinas, kaum ein anderer lässt sich so wenig besänftigen - auch wenn dies die chinesische Staatsmacht mit dem Bau eines gigantomanischen Staudamms oberhalb von Wuhan versucht -, und keiner hat so viele Menschenleben auf dem Gewissen. In den vergangenen zweitausend Jahren haben die Geschichtsschreiber tausend größere Überschwemmungen registriert, bei denen die Pegelstände an vielen Stellen binnen Stunden um zwanzig und an manchen um achtzig Meter in die Höhe schossen. Bei der Hochwasserwelle im Sommer 1954 stand ein zweihunderttausend Quadratkilometer großes Gebiet drei Monate lang unter Wasser, zweihunderttausend Menschen ertranken, vierhunderttausend weitere starben am Hunger oder an der Cholera. Ähnlich katastrophal war die Flutwelle des Jahres 1931, und viele tausend Opfer forderte das bisher letzte Hochwasser vor drei Jahren.

Die Unbezähmbarkeit des Jangtse ist eine Folge der eigenwilligen Topographie Chinas. Im Querschnitt sieht das Land aus wie eine gigantische Schräge, die im Westen, im Himalaja, bis zu siebentausend Meter aufragt, um dann kontinuierlich auf Meeresniveau abzufallen. Dadurch fließen sämtliche Niederschläge in Richtung Osten. Besonders prekär wird es im Sommer, wenn gleichzeitig der Schnee im Gebirge schmilzt, in den flacheren Gegenden der Monsun fällt und dadurch alle Flüsse steigen. Und die Gesamtheit dieser ungeheuren Wassermassen sammelt sich letztlich in zwei Adern: dem Gelben Fluss und vor allem dem Jangtse, der sich bis zu seiner Mündung nicht weniger als siebenhundert Nebenflüsse einverleibt - es gibt kein einziges Gewässer auf dem Weg des Stroms, das sich dessen Sog entziehen könnte.

Gewerbegebiet, Reisschüssel und Kornkammer

Deswegen gäbe es ohne die leblosen Deiche kein Leben am Jangtse. Für die Flussfahrer freilich, die den Schrecken des Stromes nie am eigenen Leib gespürt haben, wirken sie wie Sichtblenden vor einer verborgenen Verheißung. Wenn die Kreuzfahrtschiffe auf ihrem Weg nach Wuhan meist an menschenverlassenen Ankerplätzen anlegen und man erwartungsfroh über die Krone steigt, muss man sich jedoch als erstes von seinen Klischees verabschieden. Das Land hinter den Deichen ist keine fernöstliche Kulissenwelt, sondern Gewerbegebiet, Reisschüssel und Kornkammer zugleich, reich, fruchtbar, dicht besiedelt und viel zu nüchtern und geschäftig, um sich den Luxus bukolischer Szenen aus einem idyllischen Bauernleben zu leisten.

Den Charme des Pittoresken - eine Pagode hier, ein Tempel dort, der Palast eines regionalen Fürsten oder ähnliche, aus den weit exotischeren Ländern Südostasiens gewohnte Blickfänge - darf man in einem Land mit einer Staatsdoktrin der Klassenlosigkeit und des Atheismus nicht erwarten. Statt dessen herrscht die Gleichförmigkeit der Gleichheit, ein Grundsatz, den der Staat zumindest fernab der Städte ernst zu nehmen scheint. Die Bauerndörfer sehen aus, als seien sie in Serienproduktion nach identischem Muster hergestellt worden: in der Mitte eine Straße, etwas zurückgesetzt - hinter einem meist unbefestigten, aus Erde gestampften Streifen, auf dem sich Hühner tummeln und Schweine suhlen - die immergleichen Betonkuben mit Läden, Werkstätten und Wohnungen. Das einzige, allgegenwärtige Schmuckelement sind weiße Kacheln an den Fassaden, die offenbar von einem übereifrigen Kombinat in ungeheuren Mengen produziert werden.

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