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Ein Hongkong-Tagebuch : Sieben Tage, sieben Millionen Köpfe

  • -Aktualisiert am

Blick auf den Hafen von Hongkong Bild: Associated Press

Hongkong ist nun seit neun Jahren wieder unter festlandchinesischer Oberherrschaft, aber noch immer eine freie Stadt, in der viel möglich ist, was im Rest Chinas auf lange Zeit hin unwahrscheinlich erscheint.

          9 Min.

          Erster Tag: Anflug auf den Chek-Lap-Kok-Airport im Norden der Insel Lantau. Inselchen tauchen auf. Dazwischen scheinbar bewegungslose Trawler mit weißem Schweif, dazwischen wiederum Fischerboote - das Flugzeug ist zu hoch, um Formen zu unterscheiden. Sampans, Dschunken, Schmugglerkähne: Orson Welles und Curd Jürgens auf der „Fähre nach Hongkong“?

          Lantau, so ist im Reiseführer zu lesen, während der Bus über eine Schnellstraße durch eine gesichtslose Landschaft fährt, ist doppelt so groß wie die Nachbarinsel Hongkong. Als der neue Flughafen Ende der Neunziger seinen Betrieb aufnahm, wurde auch eine gigantische Hängebrücke zum Festland hinüber nach Kowloon gebaut, die im Abendlicht die Golden Gate Bridge in den Schatten stellen soll. Schneller Prüfblick vom Buch aus dem Fenster: Der Vergleich erscheint plausibel, obwohl es noch lange nicht dämmert.

          Eine Stunde und zwanzig Dusch- und Kleidungswechsel-Minuten später zeigt die Glasfront vor dem Lift im neunzehnten Stock des Royal Plaza zahllose glitzernde Riesenbausteine vor dunkelblauem, violett gestricheltem Himmel. Schnell zur Star Ferry, die Kowloon und Hongkong Island miteinander verbindet. Wie der Trailer zu einem besonders guten Film ist die Überfahrt natürlich viel zu kurz. Inmitten eines disziplinierten Menschenstroms im hellen Neonlicht durch Drehkreuze und über Gänge, deren Boden irgendwann leicht zu schaukeln beginnt. „Ich nahm die Fähre in Kowloon“ - in welchem der Hongkong-Schmöker hatte das noch gestanden? Bei James Clavell, Richard Mason oder in Han Suyins „Alle Herrlichkeit auf Erden“?

          Höher, schneller, weiter: Wolkenkratzer in Hongkong
          Höher, schneller, weiter: Wolkenkratzer in Hongkong : Bild: Basil Pao

          Wahrscheinlich hatte der Satz in keinem der Romane gefehlt, mythisch gewordener Extrakt für ein ganz spezielles Großstadt-Gefühl, diese irre Möglichkeit, sich an einem der dichtestbevölkerten Orte der Welt frei zu bewegen, vertikal ebenso wie horizontal, modrig-benzingetränkt-würzig-salzige Hafenluft schnuppern zu können (und dazu das Armani am schlanken Hals der chinesischen Banknachbarin, die gedankenverloren mit ihren Prada-Schuhen wippt) und jetzt, da sich die Fähre in Bewegung setzt, von den Holzbänken des Unterdecks die gleichsam abgeschnittene, aus der Dunkelheit herausgemeißelte und im Lichtgefunkel zitternde Skyline von Hongkong minütlich näher kommen zu sehen: ein neuer Film. Und das erste Symbol neuer Realität, denn dieses Gebäude linkerhand, auf einem umgedrehten Dreieck ruhend, müßte das ehemalige Prince of Wales Building sein, das seit 1997 einen weniger anheimelnden Namen trägt: Hauptquartier der Volksbefreiungskräfte der Volksrepublik China. Was aber hat das mit den Holzlehnen der Sitzbänke zu tun? Sie passen sich an. Lassen sich ganz einfach von rechts nach links drücken, bleiben dann jedoch in einer leicht schrägen Position.

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