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China : Ein Bett im Reisfeld

  • -Aktualisiert am

Diese Wehr- und Wohntürme um Kaiping ließen Auswanderer für Daheimgebliebene bauen Bild: AFP

In den Reisfeldern verlassene Wohntürme, als hätte ein chinesischer Hundertwasser des 19. Jahrhunderts sich ein halb orientalisches, halb barockes Manhattan erträumt: Zu Besuch in der Gegend um die Stadt Kaiping, in der Schwemmebene des Tan-Flusses.

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          Die Szene kam unerwartet. Wir mussten am Morgen der Abreise in der Hotelhalle Aufstellung nehmen. Jeder bekam einen Liedtext mit dem Refrain „we miss you“ nach einer bekannten Schlagermelodie in die Hand gedrückt. Auf den Stufen der Treppenkurve standen die Funktionsträger des Hauses. Ob in zur Höhe entgegengesetzter, aber zur Raumtiefe richtiger Hierarchie oder umgekehrt, darüber hätte man während der folgenden Busfahrt den Perlfluss hinauf nachdenken können.

          Die Hotelleitung stand nicht oben-hinten oder vorne-unten, sondern zwischen den Gästen, und der Food and Beverage Manager dirigierte mit einem Salatbesteck den Chor. Auch dem, der viel durch China gereist ist, stellte sich hier die Frage nach der Fähigkeit der Chinesen zur Ironie. Was wäre, hätte man im „Shangri-La“-Hotel von Zhongshan Delegierte der Siemens AG auf diese Weise verabschiedet? Sind Chinesen, wenn sie lachen und zugleich vom Unglück erzählen, ein Milliardenvolk mit „double bind“-Syndrom (eine zur Aussage gegenteilige Mimik)? Herr Liu, der in Hamburg ein Nischenunternehmen für Chinareisende gegründet hat, die zwischen Kashgar und Hainan schon alles kennen, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

          Produktion für Europa

          Wir waren am Vormittag mit der Fähre über die Mündung des Perlflusses von Hongkong nach Macao gefahren. Dort standen wir in einer von Grenzbeamten zu begutachtenden Personenschlange. Zwei Systeme, ein Land, drei Währungen, drei Passkontrollen. Herr Liu wurde umso munterer, je mehr wir uns von Hongkong entfernten.

          Bild: F.A.Z.

          Er entschuldigte sich, während wir an der Corniche der Stadt Zhuhai (viel schöner als Benidorm) mit stolz gepflanzten Palmen entlangfuhren, für mögliche Unbequemlichkeiten im Bus. Er entschuldigte sich jedoch nicht direkt, sondern versteckte die Entschuldigungen zwischen den Zeilen, im Unterkeller seiner Sätze. Erst als nach ein paar Stunden die Knie schmerzten und die Füße angeschwollen waren, wurde klar, dass es sich bei dem Bus um eine Notlösung handelte, und man ahnte jetzt, was Herr Liu mit dem Boom des innerchinesischen Tourismus hatte andeuten wollen: Reisegruppen mit zuweilen tausend Personen ziehen Engpässe bei bequemen Bussen nach sich.

          Wir fuhren auf Hochstraßen, von denen man Aussicht auf Hallendächer unterschiedlicher Solidität hatte. Sie reichten in jeder Richtung bis zum Horizont. Herr Liu und der örtliche Reiseführer erklärten, dass hier die Zone sei, in der eigentlich alles hergestellt würde, was man in Europa kaufen könne. Europäische Firmen würden zu Hause dann nur noch ihre Markennamen aufkleben, -stempeln, -nähen oder einstanzen lassen.

          Wenn Chinesen auswandern

          Herr Liu gab den diskreten Hinweis, dass die Boomregion am Perlfluss den Investoren aus Europa, den Vereinigten Staaten und Japan zu verdanken sei. Zwischen den Zeilen kam die Frage auf: Was wäre, wenn die Chinesen ein westliches Lohnniveau erreichen, die westlichen Investoren sich wieder auf ihre abgemagerten Länder besinnen und die Chinesen, die nicht vom Boom profitiert hatten, in den Westen auswandern würden?

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