https://www.faz.net/aktuell/politik/china-spezial/reise/china-ausser-atem-auf-dem-yulong-xueshan-1409566.html

China : Außer Atem auf dem Yulong Xueshan

  • -Aktualisiert am

Mit der Sauerstoffdose die Treppen hoch zum Gipfel Bild: Christian Y. Schmidt

Am Yulong Xueshan im Südwesten Chinas bringt die höchste Gondelbahn der Welt täglich Tausende Touristen zur Bergstation. Wer noch bei Atem ist, folgt den Treppen weiter in die Höhe. Alle anderen klammern sich an Dosen voller Luft.

          3 Min.

          Wir befinden uns exakt auf 4506 Meter. Das kann man auf einem Felsblock nachlesen, und das merkt man auch. Die Luft scheint durch ein dünnes Betäubungsgas ersetzt, und wir müssen etwa doppelt so schnell atmen. Unsere Schuhe aber haben wir wahrscheinlich doch in einer Zementfabrik erstanden, so schwer sind sie mit einem Mal.

          Der Berg, auf dem wir stehen, heißt Yulong Xueshan - der Jadedrachen-Schneeberg. Er liegt in Yunnan, im äußersten Südwesten Chinas und gehört zu den Ausläufern des Himalaja-Massivs. Es ist ein einzigartiger, sagenumwobener Berg. Der seltene, wilde Schnee-Tee wächst an seinen Hängen, und einige noch viel seltenere Stumpfnasen-Affen sollen sich in seinen Wäldern verbergen. Zudem sind seine Gletscher die südlichsten der nördlichen Hemisphäre. Zu den Sagen gehört, dass der Berggipfel noch nie bestiegen wurde. So wird es zumindest in zahllosen chinesischen Broschüren behauptet. Die amerikanischen Bergsteiger Phil Peralta-Ramos und Eric Perlman beschreiben allerdings in einer älteren Ausgabe des „American Alpine Journal“, wie sie am 8. Mai 1987 als Erstbesteiger auf dem genau 5596 Meter hohen Jadedrachen-Gipfel standen.

          Über das Limit hinaus

          Wir waren nicht dabei und können nichts Definitives dazu sagen. Und wir stehen natürlich auch nicht auf dem Gipfel. Wir sind den Berg noch nicht einmal hochgeklettert, sondern mit der Seilbahn in den „Gletscherpark“ eingeschwebt. Aber selbst das ist ein kleines Abenteuer: Die höchste Gondelbahn der Welt schaufelt seit 1998 täglich Tausende von Touristen zur Bergstation und überwindet dabei einen Höhenunterschied von mehr als tausend Metern. „This is a wonder“, steht in roten Buchstaben an der Talstation gemeißelt. Tatsächlich. Die Vorstellung, dass das mehr als dreihundert Tonnen schwere Seilbahnsystem nur mit Menschenkraft und kleinen Maschinen auf diese Höhe gebracht wurde, lässt uns schwindeln.

          Im Freizeitdress höher als des Matterhorn: Die Treppe führt nochweiter
          Im Freizeitdress höher als des Matterhorn: Die Treppe führt nochweiter : Bild: Christian Y. Schmidt

          An der Wand der Bergstation lesen wir zwei neue Sätze: „Chao yue ji xian! Tiao zhan zi wo!“ - „Über das Limit hinausgehen! Sich selbst herausfordern!“ Die Losung soll die Besucher des Gletscherparks anstacheln, denn von der Seilbahnstation schraubt sich eine langgezogene Treppe noch ein paar hundert Meter weiter nach oben. Dort endet sie an einer hölzernen Plattform, gut neunhundert Meter unter dem Gipfel. Die Holzplanken und das weiß gestrichene Geländer machen einen ordentlichen Eindruck. Kein Problem, das packen wir.

          Keine zwanzig Stufen weiter sitzen wir zusammengesunken auf einer langen Bank. „Miss Brinklow“, so lasen wir erst gestern in dem berühmten Shangri-La-Roman „Lost Horizon“ von James Hilton, „war in einen erbitterten Krieg mit der eigenen Lunge verwickelt.“ Das Buch spielt gleich hier um die Ecke, ungefähr in derselben Höhe. Wir fanden den Satz komisch. Jetzt kommt er uns gar nicht mehr so verhauen vor.

          Verantwortet von der Kommunistischen Partei

          Unser Blick fällt auf ein Schild mit der Aufschrift „Rettungstelefon“, gefolgt von einer langen Handynummer. Bevor wir aber da anrufen, versuchen wir die Sauerstoffflasche. Es ist eher eine Sauerstoffspraydose, die man für drei Euro an der Bergstation erwerben kann. Das Spray wirkt überraschend belebend und die nächsten zehn Meter sind wir sehr gut zu Fuß. Danach plumpsen wir auf die nächste Bank, direkt neben einen Wegweiser. Nach links geht's zur „Communist Party Responsibilty Area“. Was da wohl passiert? Ein zweiter Pfeil weist in die gleiche Richtung: „This is a dangerous area. Please don't enter it.“ Gut, marschieren wir also weiter, ohne uns an Mao-Tse-Tung-Gedanken zu laben.

          Rechts neben uns blitzt der Baishui-Gletscher, der größte von den allersüdlichsten Gletschern hier. Wir sehen ihn nicht wirklich. Wir kämpfen auf der Treppe, verschnaufen immer wieder, saugen Sauerstoff. Neben uns schnaufen schwer gezeichnet chinesische Mitbergsteiger. In Zeitlupe zieht ein Pärchen vorbei. Die Frau macht einen überraschend fidelen Eindruck. Das Gesicht des Mannes wirkt, als trage er alles Elend dieser Welt auf seinen schmalen Schultern. „Du musst dich selbst herausfordern!“, feuert ihn die Frau an. Der Gesichtsausdruck des Mannes springt auf „Scheidung“.

          Eine Medaille um den Hals

          Je länger wir in der Treppe hängen, desto eher glauben wir den chinesischen Prospekten: Diesen Berg soll jemand je ganz bestiegen haben, bis zum Gipfel? Wie soll das ohne Treppe gehen? Und dann stehen wir doch oben auf der Plattform. Über uns flattert die blutrote chinesische Flagge, neben uns zerrt uns etwas zu einem Tisch. Ein Mann fragt nach unserem Namen, ein anderer trägt ihn in eine Liste ein. Dann rattert der Motor eines Elektrogravurstifts. Zwei Minuten später hängt eine goldfarbene Medaille um unseren Hals, an einem schönen roten Band. Auf Englisch ist ein „Elevation High Degree“ eingraviert, dazu unser chinesischer Name und eine Zahl: „4680 m.“ Das ist zweihundert Meter höher als das Matterhorn, siebzehnhundert Meter mehr als die Zugspitze, und etwa zweieinhalbtausend Meter höher, als uns eigentlich zuträglich ist.

          Aber endlich kommen wir dazu, uns einmal umzusehen. Kein Berg ist höher als der unsere, wir blicken über Hunderte von Gipfeln bis zum Horizont, der von einem weißen Wolkenkranz gekrönt ist. Direkt darunter gleißt Eis und Schnee. Noch weiter unten liegen Kiefernwälder hingebreitet, winterbraune Yak-Weiden und in der Sonne funkelnde Gletscherseen. Über uns ist nur noch der Jadedrachen-Gipfel. Von hier aus scheint er gar nicht mehr so weit. Ein Spaziergang, wenn man's genau nimmt. Und eine dunkle, bisher nicht gekannte Stimme in uns murmelt: „Pass auf! Dich besteigen wir das nächste Mal!“

          Der Yulong Xueshan liegt etwa fünfzehn Kilometer nördlich der Stadt Lijiang. Die Bergzone erreicht man am besten mit Miet-Minibussen. Die Mietgebühr inklusive Fahrer beträgt etwa 150 chinesische Yuan (etwa 15 Euro pro Tag). Der Eintritt für die Bergzone kostet 80 Yuan plus 40 Yuan Altstadtrenovierungsgebühr, die Fahrt mit der Gondelbahn zum Gletscherpark 160 Yuan.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Stellenausschreibung in Mecklenburg-Vorpommern

          Fachkräftemangel : Die FDP macht Dampf

          Auch das wäre eine konzertierte Aktion wert: Deutschland muss seinen Fachkräftemangel in den Griff bekommen. Die FDP drückt der Koalition ihren Stempel auf.
          Wut auf die Polizei: Ein Demonstrant steht vor Soldaten, die nach den Protesten gegen den Tod von Jayland Walker in Akron (Ohio) im Einsatz sind.

          Polizeigewalt in Amerika : Von Schüssen durchsiebt

          Was eine Verkehrskontrolle werden sollte, endet im nächsten Fall tödlicher Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten: Videos zeigen, wie Beamte in Ohio Dutzende Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen feuern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.