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Opfer des Olympia-Boykotts 1980 : „Schmidt hat den dritten Weltkrieg an die Wand gemalt“

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Heute Privatier in Rheinhessen: Guido Kratschmer Bild:

Der 23. April 1980 ist Guido Kratschmer aufs Gemüt geschlagen. Er war Favorit auf die Zehnkampf-Goldmedaille in Moskau, als der Boykottbeschluss im Bundestag fiel. Im F.A.Z.-Interview erzählt der ehemalige Weltrekordhalter, warum der Sport für ihn danach nicht mehr derselbe war.

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          Der 23. April 1980 ist Guido Kratschmer aufs sonnige Gemüt geschlagen. Der damals wohl beste Zehnkämpfer der Welt wurde als Favorit auf die Goldmedaille in Moskau hoch gehandelt, als der Boykottbeschluss im Bundestag fiel. Zwar hat der 1953 in Großheubach am Main geborene Bauernsohn kurz darauf mit 8649 Punkten einen Weltrekord aufgestellt, aber seine besten Jahre als Athlet hatte der Olympiazweite von 1976 nach dieser Bestleistung hinter sich. Der nie in den Schuldienst eingetretene Diplomsportlehrer lebt heute in Rheinhessen - als Privatier mit dem Hobby Sport.

          Wann war Ihnen klar, dass Olympia 1980 ohne deutsche Athleten stattfinden würde: beim Boykottbeschluss des Bundestages am 23. April, bei der Entscheidung des NOK-Präsidiums am 9. Mai oder erst beim Votum der NOK-Mitgliederversammlung am 15. Mai?

          Mitte Mai, kurz vor dem damals noch legendären Zehnkampf-Meeting in Götzis. Beim Bundestagsbeschluss habe ich noch gedacht: Darüber setzen sich unsere Sportfunktionäre doch weg. Aber als dann das Nationale Olympische Komitee auch für den Boykott stimmte . . .

          Die Olympische Fahne wird am 19. Juli 1980 ins Moskauer Lenin-Stadion getragen

          Wissen Sie noch, wo und wie Sie die deprimierende Nachricht erwischt hat?

          Zu Hause, ich habe es im Radio gehört.

          Was war Ihr erster Gedanke, Ihr spontanes Gefühl: Wut, Ohnmacht - oder politische Einsicht?

          Ohnmacht, die wütend macht, würde ich sagen. Die Überzeugung, dass ein sportlicher Boykott politisch sinnvoll wäre, habe ich nie gehabt.

          Was hielten Sie in diesem Moment von den herrschenden deutschen Politikern und von den gehorchenden Funktionären?

          Ich war riesig enttäuscht. Nicht von Willi Daume, dem NOK-Präsidenten, denn der war ja für eine Teilnahme. Die Sportpolitiker sind umgekippt, ich nehme an wegen Bundeskanzler Schmidt, der muss ganz schön Druck gemacht haben. Er hat den dritten Weltkrieg an die Wand gemalt, wie ich das in Erinnerung habe.

          Hat sich an Ihrer Auffassung im Laufe der Jahre irgendetwas geändert? Sind Sie vielleicht altersmilder geworden?

          Verständnis für einen Boykott habe ich nie gehabt. Das war doch Unsinn und konnte nichts bringen. Die Russen sind in Afghanistan einmarschiert, und von denen geht ja keiner wieder raus, nur weil die Sportler nicht nach Moskau fahren. Aber sie haben wenigstens daraus gelernt und jetzt rechtzeitig gesagt: Wir boykottieren nicht. Das finde ich gut.

          Ist es für eine solche definitive Zusage nicht zu früh gewesen? Wer weiß, was sich in China noch entwickelt.

          Vielleicht ein bisschen früh, ja, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Lage dort so dramatisch entwickelt, dass man nicht nach Peking fahren könnte. Die Sportler müssen für Ihre Vorbereitung ja eine möglichst frühe Entscheidung haben. Das kann man doch nicht bis, sagen wir, zwei Wochen vorher offenhalten.

          Wie haben Sie nach der damaligen Entscheidung überhaupt noch Sport getrieben - einfach weitergemacht, als wenn nichts wäre?

          Ich hatte so gut trainiert und war so sicher, dass ich die Goldmedaille gewinne, da bin ich natürlich erst mal in ein Tief gerutscht. Aber nach drei oder vier Tagen ging's allmählich wieder. Da stand Bernhausen an, wo die offizielle Olympiaausscheidung gewesen wäre, und dort wollte ich den Weltrekord machen. Das war meine Trotzreaktion, die mich unheimlich motiviert hat.

          Sie haben wenigstens dieses Ziel erreicht.

          Ja. Aber wenn das auch noch danebengegangen wäre, o je, o je. Das war der schlimmste Zehnkampf meines Lebens. Zu wissen, du musst in dieser Disziplin das und das schaffen, das war schrecklich. Zweimal stand es auf der Kippe, beim Diskuswerfen und beim Stabhochsprung, ach, wenn ich daran noch denke! Aber nach dem Weltrekord war die Luft raus, da war überhaupt nichts mehr da.

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