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Olympische Spiele 1936 : „Ganz und gar ein politisches Unternehmen“

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Nach seiner Rückkehr begann er eine massive Lobbyarbeit im amerikanischen Olympischen Komitee, die auf der Delegiertenkonferenz im Dezember 1935 schließlich zu einem hauchdünnen Abstimmungssieg mit nur zwei Stimmen führte. Das IOC entschied sich 1936 folgerichtig für einen Ausschluss Jahnckes und seine Ersetzung durch Brundage, der es von 1952 bis 1972 sogar zum Präsidenten des IOC bringen sollte.

Zwei deutsche jüdische Olympiastarter

Die amerikanischen Boykottgegner verließen sich bei der Abstimmung auf eine Zusage der Deutschen auf der IOC-Session in Wien 1933, dass selbstverständlich auch jüdische Athleten startberechtigt seien. Über die schwierigen Trainingsbedingungen jüdischer Sportler in einem antisemitisch ausgerichteten Staat war allerdings im Ausland wenig bekannt. Am Ende reduzierte sich das Feld möglicher Kandidaten im deutschen Olympia-Team auf drei Namen: den Eishockeyspieler Rudi Ball, die Leichtathletin Gretel Bergmann und die Fechterin Helene Mayer.

Mayer und Ball durften teilnehmen; die in den Vereinigten Staaten lebende Fechterin gewann sogar eine Silbermedaille. Aber Gretel Bergmann, eine der Mitfavoritinnen im Hochsprung, erhielt ihre Absage am 16. Juli 1936, genau einen Tag nachdem das Schiff mit dem amerikanischen Olympiateam in Richtung Deutschland abgelegt hatte und es für eine etwaige Boykottreaktion endgültig zu spät war.

Massive Proteste beim Fackellauf

Wenige Tage nach dem Aufbruch der Amerikaner zu den Spielen begann auch das Ereignis, das der Generalsekretär des Organisationskomitees Carl Diem erdacht hatte: der erste olympische „Fackel-Staffel-Lauf“. Er startete am 20. Juli 1936 mit dem Entzünden der Flamme an den antiken Stätten in Olympia und führte in dreizehn Tagen durch sieben Länder über Athen, Delphi, Saloniki, Sofia, Belgrad, Budapest, Wien, Prag und Dresden nach Berlin.

Die Jubelszenen an den einzelnen Stationen hat Leni Riefenstahl in ihrem Olympiafilm eindrucksvoll eingefangen. Was hier aber nicht zu sehen war: Vor und während des Fackellaufs kam es zu massiven politischen Protesten. So beschlagnahmten die tschechoslowakischen Behörden das offizielle Plakat, weil darauf das Sudetenland innerhalb der deutschen Grenzen eingezeichnet war. In Prag löschten Gegner sogar die Fackel. Auch in Wien gab es Ausschreitungen, weil die dortigen Nationalsozialisten den Empfang der olympischen Flamme zu einer Großdemonstration nutzen wollten.

Höchstwerte für Hitlers Popularität

Obwohl den Spielen in Berlin größte Aufmerksamkeit und auch ein hohes Maß an Anerkennung für die perfekte Organisation zuteil wurde, blieben kritische Stimmen im Ausland deutlich vernehmbar. Schließlich hatten nicht wenige Presseorgane statt ihrer Sportreporter politische Korrespondenten nach Berlin entsandt. Die Boykottbewegung ließ sich nicht davon abbringen, Gegenveranstaltungen in New York, Prag, Amsterdam und Rotterdam zu organisieren. So lief in der niederländischen Hauptstadt parallel zu den Berliner Spielen eine Olympia-Ausstellung mit etwa 270 Werken von Robert Capa, Max Ernst, John Heartfield und anderen. Die Volksolympiade in Barcelona musste abgesagt werden. Einen Tag vor der Eröffnungsfeier am 19. Juli brach der Spanische Bürgerkrieg aus.

Während der olympischen Tage in Berlin konnten trotz intensiver Personenkontrollen und strikter Pressezensur nicht alle Proteste verhindert werden. Zudem hatte die Polizei bereits im Vorfeld die Stadt von „Zigeunern“ und Prostituierten „gesäubert“. Mit den täglichen Anweisungen der Reichspressekonferenz wurden die deutschen Zeitungen auf Linie gebracht. Am 25. Juli 1936 hieß es beispielsweise, man solle „keine Angriffe gegen ausländische Sitten und Gebräuche richten. Die Chinesen haben sich in Berlin schon zweimal beschwert.“

Am Ende verzeichnete die Staats- und Parteiführung mit der Durchführung der Olympischen Spiele im Inland einen Prestigeerfolg. Trotz der Vorbehalte und Proteste im Ausland, die als Teilerfolg der Boykottbewegung gewertet werden müssen, erreichte Hitlers Popularität bei den Deutschen Höchstwerte. Das Fest der Nationen wurde für politische Zwecke instrumentalisiert. Zwei Wochen nach Ende der Spiele von 1936 wurde der Vierjahresplan für die Aufrüstung verkündet. Vier Jahre später fanden die Olympischen Spiele nicht statt.

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