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Olympiaboykott von 1980 : Als es reichlich Fleisch in Moskau gab

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Eröffnungsfeier am 19.7.1980: Zuschauerrekorde trotz des Boykotts Bild: dpa

Als Protest gegen die sowjetische Militärintervention in Afghanistan boykottierten viele westliche Länder die Spiele 1980 in Moskau. Doch das „Polizeisportfest“ entwickelte eine überraschende Eigendynamik. Leo Wieland begleitete Olympia damals als F.A.Z.-Korrespondent und blickt zurück.

          5 Min.

          Es war noch Kalter Krieg, und trotzdem wollten viele hin. Dann kam ein heißer Krieg dazwischen, und ein guter Teil der „Jugend der Welt“ blieb weg - oder musste wegbleiben. Man schrieb das Jahr 1980. Die Sowjetunion, wie das erste kommunistische Land hieß, das Olympische Spiele austragen durfte, wurde von einem kränkelnden Greis namens Leonid Breschnew regiert. Moskau, Acht-Millionen-Stadt und Schaufenster eines hochgerüsteten Raketenweltreichs, welches alle Mühe hatte, für seine Bürger eine Gabel mit vier geraden Zinken herzustellen, war schon dabei, sich für devisenbringende Gäste aus allen fünf Kontinenten herauszuputzen. Doch am zweiten Weihnachtstag 1979 marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein. In Washington forderte Präsident Jimmy Carter zur Strafe einen Olympiaboykott.

          Nun war guter Rat teuer. Im Moskauer Winter quollen die sonst dürftig ausgestatteten Schaufenster schon von „Mischas“ über, den Olympiamaskottchen. Es versprach ein grenzüberschreitender Sympathieträger zu werden. Die ideologischen Wächter der moralischen Reinheit eines sklerotischen Systems warnten derweil vor „geistiger Unterwanderung“ und „vergifteten Kaugummis“. Und nun das: Olympiaboykott.

          „Es kommt in unseren Regeln nicht vor“

          Carter konfrontierte die Männer im Kreml mit einem Ultimatum. Truppenabzug aus Kabul bis zum 20. Februar - oder . . . Dem Vorsitzenden des Internationalen Olympischen Komitees, dem milden irischen Lord Killanin, wurde ganz anders. Das galt auch für den spanischen Botschafter in Moskau, Juan Antonio Samaranch, dem zum Sprung an die Spitze des IOC nur der Westdeutsche Willi Daume noch im Wege stand. In einem Gespräch mit dieser Zeitung sagte der Diplomat auf die Frage, ob es denn mit der Olympischen Charta vereinbar sei, in einem Land Spiele abzuhalten, das gerade in einen Krieg verwickelt sei: „Offiziell gibt es keinen Krieg, von dem ich Kenntnis hätte. Aber wie gesagt, offiziell. Und außerdem gibt es in der Charta an keiner Stelle das Wort Krieg. Es kommt in unseren Regeln nicht vor.“

          Die Sowjetunion war das erste kommunistische Land, das Olympische Spiele austragen durfte

          Die Monate verstrichen mit Debatten über möglichen Schaden und Nutzen, Gewinner und Verlierer, sowie über eine Fülle abgestufter Boykottvarianten. Am 18. Juli war es schließlich so weit. Leonid Breschnew, 73 Jahre alt, angeschlagen, aber frisch von der Sonne der Krim gebräunt, eröffnete im Lenin-Stadion die XXII. Olympischen Spiele der Neuzeit. Besonders lebhaft klatschte er, als die Athleten aus Afghanistan einmarschierten. Dabei fehlte die Hälfte, weil die Ringer, Kicker und Hockeyspieler sich zuvor zu etwa gleichen Teilen nach Pakistan und in die Bundesrepublik Deutschland abgesetzt hatten.

          Demonstrative Protestgesten

          Im Kreis der akkreditierten westlichen Journalisten ging es im Stadion vor allem um Politik und den Vergleich mit den Berliner Spielen von 1936 nach der Machtergreifung Adolf Hitlers. Dazu kam die aktuelle Statistik. Von 146 geladenen Ländern hatten 81 zu- und der Rest abgesagt. Am meisten fiel das Fehlen der Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik und der kanadischen Gastgeber von Montreal 1976 auf. Unter den Europäern fehlten außer den Westdeutschen noch Albanien, Liechtenstein, Monaco und Norwegen, außerdem der Grenzfall Türkei.

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