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Chinas Medienpolitik : Der Schimpfkanonaden genug

  • -Aktualisiert am

Trümmer in Dujiangyan Bild: AFP

Im Augenblick der Katastrophe erfindet sich die Großmacht neu: Mit Krisenmanagement, Offenheit und Aufopferung begegnet China der Erdbeben-Katastrophe. Es scheint, als wolle Peking nun alles besser machen. Doch die Kampagne gegen westliche Medien ist nicht gänzlich beendet.

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          Es scheint, als wolle die chinesische Regierung nach der vielen Kritik, die sie in den vergangenen Wochen einstecken musste, in ihrer Informationspolitik nun alles besser machen. Über das große Erdbeben in Sichuan wird prompt und ausführlich berichtet. Anders als bisher steht nicht nur der heldenhafte Einsatz von Regierung und Volksbefreiungsarmee im Mittelpunkt. Vielmehr kommt in der Berichterstattung auch die Lage in der Katastrophenregion vor.

          Auch dem Ausland gegenüber zeigt man sich wieder freundlich. Für Hilfsangebote dankte das Außenministerium. Man versprach sogar, ausländische Helfer ins Land zu lassen, wenn die Lage das erlaube. Das Kapitel „Tibet“, das die vergangenen Wochen beherrschte, möchte die chinesische Regierung jetzt gern abschließen. Dazu sollen Tiraden gegen den Westen abgestellt und der Nationalismus in seine Grenzen verwiesen werden.

          Anwälte ziehen Klage gegen CNN zurück

          Schon ein paar Tage vor dem Erdbeben war die Wende in der chinesischen Berichterstattung sichtbar geworden. Plötzlich hörten die Salven gegen die „Einseitigkeit“ der westlichen Medien über Tibet und den olympischen Fackellauf auf. Plötzlich waren CNN, BBC und ZDF nicht mehr Ziel von Leserbriefen und Zeitungskommentatoren. Chinas oberste Zensoren hatten offenbar befunden, dass es genug war der Schimpfkanonaden gegen Ausländer. Nun sollten sich die Bürger besser wieder ihrer Rolle als Gastgeber bei den Olympischen Spielen besinnen.

          Amerikanische Anwälte, die von zwei Chinesen engagiert worden waren, um eine Klage gegen CNN wegen Verleumdung anzustrengen, zogen die Klage zurück. Sie sollten den amerikanischen Fernsehsender wegen einer Äußerung seines Kommentators Jack Cafferty belangen. Der hatte die Chinesen in einem Beitrag als eine Bande von Verbrechern bezeichnet und noch hinzugefügt, chinesische Produkte seien „Schrott“. Das Problem könne nicht durch eine Klage und Anwälte gelöst werden, hieß es nun von den Anwälten. Als Erklärung ihres Sinneswandels führten sie undefinierten „Druck“ an, dem sie sich plötzlich ausgesetzt gesehen hätten. Das habe sie bewogen, von der Milliarden-Klage – die Kläger wollen einen Dollar Entschädigung für jeden der 1,3 Milliarden Chinesen – Abstand zu nehmen.

          Auch aus den Chatrooms im Internet verschwinden die bösesten Kommentare. Doch die große Kampagne gegen die westlichen Medien ist nicht gänzlich beendet. Wer sich immer noch über die Berichterstattung westlicher, auch deutscher Medien zum Thema Tibet und zum Olympischen Fackellauf aufregen möchte, kann dies weiterhin auf Webseiten wie www.anti-cnn.com tun. „Die westlichen Medien sind Lügner“, ist noch einer der freundlicheren Kommentare, der dort zu lesen ist. Morddrohungen gegen ausländische Journalisten, die dort auch zu sehen waren, sind gelöscht worden, doch die Beschimpfungen sind weiter zu lesen.

          Nur wenige Chinesen sprechen Englisch

          Doch es sind nicht nur die Chatrooms im Internet, die voller Kritik an „den“ westlichen Medien sind. Auch in Gesprächen mit politisch sonst nicht sonderlich engagierten Bürgern konnte man in diesen Tagen immer wieder hören, dass die westlichen Medien China nicht verstünden, falsch über China berichteten, oder dass sie das Land absichtlich verleumden wollen. Auf die Frage, wie man sich dessen so sicher sein könne, kam in der Regel der Hinweis, man habe es doch in der Zeitung gelesen oder im Internet gesehen. Und bei Nachfrage stellt sich dann heraus, dass damit nur chinesische Zeitungen und das chinesische Internet gemeint sind.

          Die große Mehrheit der chinesischen Bürger hat noch nie BBC oder CNN gesehen. Das liegt nicht nur daran, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Chinesen Englisch beherrscht. Die Zensurbehörde hat festgesetzt, dass internationale Sender wie CNN, BBC oder auch die Deutsche Welle in China nur in ausgewählten Wohnvierteln und Häusern zu empfangen sind, wo mehrheitlich Ausländer wohnen. Und selbst dort wird der Bildschirm noch immer schwarz, wenn China-kritische Berichte gesendet werden.

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