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Minderheiten in China : Wenn ein Han mit einer Miao

  • -Aktualisiert am

Im „Park der Minderheiten” in Peking Bild: picture-alliance / dpa

Jenseits von Tibet: Gegenüber den 55 Minderheiten im Land verfolgt Peking seit Jahrzehnten eine Politik der „weichen Brust“. Das Land bemüht sich um eine bessere Integration, aber manche Volksgruppen sträuben sich dagegen.

          6 Min.

          Wie leben die Minderheiten in China? Offiziell sind neben den Han-Chinesen nicht weniger als 55 im Land anerkannt. Sie machen neun Prozent der Bevölkerung aus, stammen meist aus Bergregionen, vor allem in West- und Nordchina, leben aber nicht nur in den fünf Autonomen Regionen, sondern überall in der Volksrepublik.

          Auch in der südchinesischen Provinz Hunan begegne ich ihnen häufig. Einer meiner Reisebegleiter stammt vom acht Millionen starken Tujia-Volk ab. Er ist gerade zwanzig und macht einen recht unbekümmerten Eindruck. Mit spitzen Haaren und modischer Freizeitjacke sieht er wie einer der Jungen aus, die im Internetcafé ein und ausgehen. Sein Chinesisch ist genauso fließend wie meins. Hätte er nicht gesagt, wo er herkommt, hätte ich ihn für einen Han-Chinesen gehalten. Als ich ihn frage, ob er nicht lieber bei den Tujia geblieben wäre, sagt er: „Da findest du doch keine Arbeit.“ Und was ist mit Ihrer Muttersprache?, möchte ich wissen.

          Denn Tujia ist, wie die meisten Minderheitensprachen, kein chinesischer Dialekt, sondern eine völlig eigene Sprache - für Han-Chinesen genauso fremd wie Koreanisch oder Japanisch. „Ach, wir sind längst Chinesen geworden“, sagt der junge Mann flott. „Mit der Tujia-Sprache komme ich nicht weit. Sie ist nur mündlich überliefert und kennt keine Schrift. Ich habe sie auch nur von Oma und Opa gelernt. Nicht besonders gründlich. Daher kenne ich auch nur einige einfache Ausdrücke.“ Damit steht er nicht allein. In der Kreisstadt Jishou, wo er lebt, sind 70 Prozent der Einwohner Tujia. Aber auf der Straße, in Restaurants oder im Bahnhof hört man überall nur Chinesisch.

          Der Druck des Taxis

          In der malerischen alten Stadt Fenghuang, von Jishou eine Stunde mit dem Bus entfernt, bilden die Miao die Mehrheit. Ihr Siedlungsgebiet reicht bis nach Laos hinunter, wo sie sich während des Vietnamkriegs unter dem Namen „Mèo“ als besonders gefürchtete Krieger von den Amerikanern anwerben ließen. Während wir über eine abenteuerliche Landstraße mit metertiefen Pfützen fahren, um zur „Großen Südlichen Mauer“ zu kommen, habe ich die Gelegenheit, mit dem Taxifahrer zu plaudern.

          Er ist über vierzig, hat eine dunkelblaue Jacke an und kommt aus einer Bauernfamilie. Als in den achtziger Jahren die Reformen Dengs begannen, reisten seine Frau und er in die nächste Stadt und verdienten ihr Geld als Kleinhändler. Nach jahrelangem Sparen konnten sie sich die Taxilizenz und den VW-Jetta kaufen, in dem wir jetzt sitzen. Da seine Frau sich noch um den gemeinsamen Sohn kümmern muss, fährt sie morgens sechs bis acht Stunden; nachmittags, abends und nachts sitzt dann der Ehemann am Steuer.

          „Mit dem Taxi verdienen wir schon mehr Geld als früher und haben es besser als viele andere“, sagt er in perfektem Chinesisch. Aber das Taxi übe auch viel Druck aus. „Rollt es nicht, kommt kein Geld ins Haus. Meine Frau und ich werden schon als rollendes Paar bezeichnet, weil wir uns kaum zu Gesicht bekommen.“

          Ein paar böse Bemerkungen, sonst nichts

          In früheren Jahrhunderten war Fenghuang eine Grenzstadt. Ende des 16. Jahrhunderts, in der Ming-Dynastie, ließ der Kaiser zwanzig Kilometer westlich der Stadt eine 190 Kilometer lange Mauer errichten, um den Verkehr zwischen Miao und Han-Chinesen zu kontrollieren. Ähnlich wie bei den römischen Limites in Deutschland durften auch hier nur die befreundeten Stämme den Grenzwall passieren. Während des Bürgerkriegs folgten viele Miao-Männer der Kommunistischen Partei, um die nationalistische Kuomindang zu bekämpfen.

          Spüren Sie immer noch Unterdrückung durch Han-Chinesen?, frage ich, als wir von unserer strapaziösen Besichtigung der „Großen Südlichen Mauer“ zurück sind. „Nein“, sagt der Fahrer entschieden, „die jetzige Regierung behandelt uns gut. Im Gegensatz zu den Han-Chinesinnen dürfen unsere Frauen zwei Kinder haben.“ Wenn ein Han eine Miao heiratet, machten die Nachbarn vielleicht ein paar böse Bemerkungen, aber sonst gebe es keine Probleme, sagt er. Die Minderheiten würden bei der Aufnahmeprüfung zur Universität sogar mit Extrapunkten begünstigt. Das entspricht tatsächlich der Realität. Inzwischen wird schon Han-Chinesen deshalb mit Ausschluss gedroht, wenn sie ihre Identität verfälschen und sich bei der Aufnahmeprüfung als Angehörige einer Minderheit ausgeben.

          Die „weiche Brust“ Chinas

          Die kommunistische Regierung fährt seit Jahrzehnten eine Huairou-(„Weiche Brust“-)Politik gegenüber den Minderheiten, was in der chinesischen Geschichte durchaus Tradition hat. Schon im Jahr 641 schickte Kaiser Taizong seine Adoptivtochter Wencheng zur Vermählung nach Lhasa, als der kriegerische tibetische Herrscher sich eine Braut aus dem reichen Kaiserreich wünschte. Um die Grenzgebiete zu stabilisieren, waren solche politischen Ehen von großer Bedeutung. Wencheng und ihr großer Hofstaat von Beamten, Handwerkern und buddhistischen Mönchen waren sich ihrer Aufgabe durchaus bewusst und taten viel, um die Beziehungen zwischen beiden Völkern zu stärken.

          Mit ihnen wurden chinesische Errungenschaften wie Porzellan, Papier, Medizin und Wein nach Tibet gebracht. Songtsen Gampo, der Ehemann der Prinzessin, ließ einen regen Beamtentausch zwischen Lhasa und Chang'an gedeihen. Der Kaiser ernannte ihn 649 zum Militärgouverneur und Präfekten des Westgebiets, um seine Zufriedenheit mit ihm zum Ausdruck zu bringen. Diese Geschichte ist in alten chinesischen Büchern dokumentiert. Sie wird heute noch gern gelesen und als Oper auch auf die Bühne gebracht. Die Tibeter ehrten die Prinzessin mit einer Statue im Dazhao-Tempel in Lhasa.

          Bemühen um verstärkte Integration

          Dass die Kommunistische Partei sich um die Minderheiten bemüht, ist offensichtlich. Der Schutz der Minderheiten ist in der Verfassung verankert, und die Rücksichtnahme geht sogar so weit, dass die Minderheiten heute wachsen und wachsen dürfen, während die Han ihre eigene Geburtenrate gedrosselt und damit eine erhebliche Überalterung ihrer Bevölkerung herbeigeführt haben. Nach Angaben des chinesischen Amts für Statistik wurden zwischen 2000 und 2005 nur 23,6 Millionen Han-Chinesen und immerhin 16,9 Millionen Kinder von Minderheiten geboren. Die Geburtenrate bei den Han liegt mit zwei Prozent etwa auf dem Niveau Westeuropas, bei den Minderheiten aber bei beachtlichen sechzehn Prozent. Nach Rechnung von Experten könnten schon in zwanzig Jahren Han-Chinesen und Minderheiten jeweils die Hälfte der Bevölkerung der Volksrepublik ausmachen.

          Um die daraus entstehenden Probleme zu verringern, bemüht sich die Regierung in Peking um eine verstärkte Integration der Minderheiten durch Bildung. In Xinjiang, dem größten autonomen Gebiet der Volksrepublik, haben schon über 900.000 Kinder zweisprachige Kindergärten besucht, und in der Hauptstadt Ürümqi gibt es eine islamische Universität, die unter staatlicher Aufsicht Imame ausbildet. Auch in Fujian gibt man sich große Mühe. Dort können jetzt zehntausend Realschüler auf ein speziell für Angehörige von Minderheiten ausgeschriebenes Stipendium hoffen.

          „Auch etwas zurückgeblieben“

          Doch nicht alle sind integrationswillig. Denn Integration bedeutet in der Praxis oft auch Verlust der eigenen Kultur und Sprache. Olivia Kraef, eine in Peking lebende deutsche Sinologin, hat das in den abgelegenen Liang-Bergen von Sichuan ansässige Yi-Volk studiert. In der Meigu-Kreisstadt zum Beispiel machten Han-Chinesen gerade zwei Prozent aus, der Rest seien fast alle Yi, erzählt die Wissenschaftlerin. „Sie sind stolz auf sich, mögen keine Han-Chinesen - und Uiguren oder andere noch weniger. Aber da sie immer in den Bergen gewohnt haben und selten nach außen gekommen sind, sind sie auch etwas zurückgeblieben.“ Die Familienplanungspolitik der Regierung stoße hier auf taube Ohren, Familien mit fünf, sechs Kindern sind häufig zu sehen. „Die Beziehung zwischen Yi und Han-Chinesen ist angespannt“, sagt Olivia Kraef.

          Die Bergeinwohner sind arm und müssen vom Staat mit Reis und anderen Lebensmitteln versorgt werden. Kinder müssen die Schule abbrechen, wenn die Eltern die Arbeit auf den Feldern nicht mehr allein schaffen. Der Sinologin wurde schnell bewusst, wie sehr auch bei den Yi die Jungen bevorzugt und die Mädchen benachteiligt werden. Außer einer Heirat haben sie kaum eine Perspektive im Leben. Eine Szene von einer Reise 2004 hat sich Olivia Kraef besondern eingeprägt: Ein kleines Mädchen trug einen riesigen Korb Gras auf dem Rücken. Stumm stapfte sie die steilen Hänge hinauf. Seit 2005 schickt die Berlinerin regelmäßig eigenes und bei Freunden gesammeltes Geld in das Dorf Leyue, damit die Kinder dort in die Schule gehen können. Heute profitieren fünfzig Kinder, davon achtundvierzig Mädchen, von ihrem privaten Förderprogramm. Doch dem ersten Mädchen konnte sie nicht mehr helfen. Es beging vor zwei Jahren Selbstmord.

          Straßen und Häuser gegen die Armut

          Nach den Reformen Dengs der achtziger Jahre strömten viele Bauern - von Minderheiten genauso wie Han-Chinesen - in die Städte und suchten ihr Glück. Auch vom Yi-Volk aus den Liang-Bergen sind viele Männer nach Peking gewandert. Aber sie haben es schwer, es dort zu etwas zu bringen. „Viele von ihnen können nicht gut Chinesisch, denn die Lehrer in ihren Schulen sind selbst Yi und beherrschen die chinesische Sprache nicht richtig“, erzählt Olivia Kraef. Diese Dorfschulen seien zudem oft nur wie ein Hort, und der Unterricht mit dem in den Großstädten nicht vergleichbar. „Nur einige wenige können im Kulturbereich Fuß fassen, zum Beispiel als Yi-Tänzer oder als Vermittler der Yi-Kultur. Viele finden gar keine Arbeit, hängen herum oder müssen sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen.“

          Um die Armut in den Gebirgsregionen zu bekämpfen, hat die Regierung in den letzten zwanzig Jahren viele Straßen und Häuser bauen lassen. Auch Schulen werden errichtet, neue Universitäten eröffnet. Doch die Bildungseinrichtungen konzentrieren sich in den großen Städten. Die Ausbildung der Shandi Tonbao (der „Berglandbewohner“) hinkt immer noch hinter der wirtschaftlichen Entwicklung her. Aber ohne eine solide Ausbildung haben auch die Angehörigen von Minderheiten keine guten Perspektiven in der rastlosen chinesischen Wirtschaft, für die motivierte und qualifizierte Kräfte gesucht werden.

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