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Chinesen entdecken Europa : Im Laufschritt zu Marx

  • -Aktualisiert am

Umfunktioniert: Mit dem Regenschirm als Sonnschutz durch Trier Bild: Marcus Kaufhold

Ein Aufenthalt in der Geburtsstadt von Karl Marx ist für viele Chinesen der Höhepunkt ihrer Europa-Reise. Doch für einen Besuch im Marx-Museum von Trier bleibt kaum Zeit. Julia Roebke hat eine Reisegruppe begleitet.

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          Es ist halb fünf Uhr am Nachmittag, als der graue Reisebus in Trier direkt neben der Porta Nigra endlich zum Stehen kommt. Die Türen öffnen sich mit einem lauten Zischen. Von draußen dringt ein Schwall heiße Luft in das klimatisierte Gefährt. Gu Huaxin, ein untersetzter Mann mit brauner Stoffhose und beigefarbenem Polohemd, tritt ins Freie, wischt sich mit dem rechten Arm über die Stirn und streicht die schwarzen Haarsträhnen in Position. „Endlich angekommen“, sagt er, „endlich können wir Marx besuchen.“

          Gu und seine Familie kommen aus Schanghai. Sie gehören zu einer 32 Köpfe zählenden chinesischen Reisegruppe, die auf der „Nord-Route“ unterwegs ist. So nennen Reisebüros das Angebot, mit dem Bus in sechs Tagen in fünf europäischen Ländern Station zu machen. Flug nach Frankfurt, dann über Amsterdam, Brüssel, Paris und Luxemburg nach Trier. „Trier ist für die ältere Generation das Highlight auf der Europatour“, sagt der 30 Jahre alte Reiseleiter Qin Lei. Mit Marx könnten Paris oder Brüssel nicht mithalten.

          Große Wirkung einer Gesellschaftstheorie

          „Es ist unsere erste Reise nach Europa“, sagt Gus Frau Qin Qin Zhang. Sie und ihr Mann sind mit Sohn Weiming unterwegs, der in Darmstadt Maschinenbau studiert. Die Reise koste sie 2500 Euro je Person, doch ihr Mann arbeite in der Immobilienbranche und verdiene gut. Sie lächelt müde - nach viereinhalb Stunden Fahrt und den kurzen Stadtbesichtigungen in Paris und Luxemburg kein Wunder. Auf der Fahrt hat der Reiseleiter die Gruppe ausführlich über die Geschichte der Stadt informiert. Dafür, dass einige lieber geschlafen haben, als ihm zuzuhören, hat er Verständnis: Es sei eben ein straffes Programm.

          Die chinesische Reisegruppe fährt mit dem Bus quer durch Europa

          Als alle ausgestiegen sind und einige Damen ihren Sonnenschirm aufgespannt haben, hält Qin noch eine kurze Ansprache: „Wir sind leider etwas spät dran. In einer halben Stunde treffen wir uns wieder am Bus und fahren zum Karl-Marx-Haus.“ Mit müden Beinen und immer in der Nähe des mit einem pinkfarbenen Hemd bekleideten Reiseführers läuft die Gruppe einmal um die Reste des römischen Stadttors. Gruppenfotos, Einzelfotos, immer die Gemäuer des Unesco-Weltkulturerbes im Hintergrund.

          Langsam wachen sie auf, das ein oder andere Lächeln zeigt sich auch auf den Gesichtern, die gerade nicht fotografiert werden. Die 53 Jahre alte Ärztin Liu Suzhen ist begeistert: „Marx' Theorie ist großartig und hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung Chinas.“ Es sei schön, in seiner Geburtsstadt zu sein.

          Die Stadt bleibt unentdeckt

          Von dem Marx-Faktor erhofft sich auch die Stadt Trier einiges. „China ist nach den Niederlanden der zweitwichtigste Auslandsmarkt für Trier“, sagt Patricia Ellendt von der Touristeninformation. Die Zahl der Übernachtungsgäste aus dem Reich der Mitte steige stetig; im Jahr 2007 registrierte die Stadt rund 20.000 Übernachtungen chinesischer Touristen. Ziel sei es, dass Gäste wie Familie Gu, die nur wenige Stunden in Trier verbringt, ihren Aufenthalt verlängern. „Wir müssen vor allem versuchen, die Gäste aus China auch für andere Themen der Stadt, zum Beispiel für das Shopping, zu interessieren“, sagt Ellendt.

          Denn da ist einiges zu holen: „Die Chinesen waren 2007 nach den Russen gemessen am Einzelhandelsumsatz die fleißigsten ausländischen Einkäufer in Deutschland“, sagt Sonja Neukirchen, Marketing-Managerin von Global Refund Deutschland. Das Unternehmen, das für Touristen bei der Ausreise die Erstattung der Mehrwertsteuer regelt, hat errechnet, dass allein von Januar bis Mai dieses Jahres der Umsatz mit Touristen aus China um 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zugenommen hat. Doch Trier steht trotz vieler chinesischer Besucher nicht auf der Liste der umsatzstärksten Städte.

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