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China und der Westen : Im Sturm der Kampagnen

  • -Aktualisiert am

Attackierte Fackelträgerin Jin Jing: Ein Imagedesaster des Westens in China Bild: dpa

Durch die Bilder von den Störungen des Fackellaufs ist in China die Bewegung gegen den Westen zu einem Selbstläufer geworden. Kritiker des Nationalismus haben es schwerer denn je.

          Anders als in der Welt draußen ist im Inneren Chinas die Tibet-Affäre für die Regierung ein riesiger Erfolg. So eng wie schon lange nicht mehr schließen sich weite Teile der Bevölkerung mit der Kommunistischen Partei gegen den missgünstigen Westen zusammen. Es geht dabei nicht nur um die paar Fotos von nepalischen Polizisten, die einige westliche Medien fälschlicherweise als chinesische Militärs ausgegeben hatten.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Diese Bilder, die zunächst Studenten im Ausland ins Netz gestellt hatten und die dann eine landesweite Empörung auslösten, gelten bloß als Belege für den umfassenderen Verdacht, dass „der Westen“ China seine Erfolge neide und ein massives Ressentiment gegen das Land entwickelt habe. Wie sonst solle man es erklären, dass aus der Nachricht randalierender tibetischer Jugendlicher die Nachricht eines blutig niederschlagenden China wurde, noch bevor die Behörden überhaupt eingegriffen hatten? Verschwörungstheorien bekamen Hochkonjunktur; Tibet selbst interessierte kaum einen mehr.

          „Lang lebe das Mutterland!“

          Die staatlichen Medien machten sich die Erregung im Internet bald zunutze und befeuerten sie. Auch ganz offiziell nimmt die Regierung inzwischen die Online-Stimme des Volkes als ein entscheidendes Argument, um die „politische Erpressung“ durch die Olympischen Spiele zurückzuweisen: „Die geräuschvollen Boykotte werden kein Gewicht mehr haben gegenüber der wachsenden Unterstützung des chinesischen Volkes“, heißt es in einer der bisher schärfsten Stellungnahmen der amtlichen Agentur Xinhua. Die Boykottbefürworter begingen einen romantischen Fehler, wenn sie glaubten, Druck von außen würde den chinesischen Staat zu Kompromissen in dieser Frage bewegen.

          Demonstrationen in San Francisco

          Spätestens mit den Nachrichten und Bildern von den Störungen des Fackellaufs in London, Paris und San Francisco ist die antiwestliche Bewegung dann zu einem Selbstläufer geworden. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte sie angesichts von Bildern der im Rollstuhl sitzenden Fackelträgerin Jin Jing (sie hatte aufgrund eines Krebsleidens ein Bein verloren), die in Paris von einem Tibet-Aktivisten attackiert wurde und dabei verschreckt die Fackel unter ihren Armen vergrub.

          Diese Fotos, die aus der Medienkritik ein hochemotionales Massenereignis machten, wurden zum definitiven Imagedesaster des Westens in China. „Jin Jing, du bist schön, aber dein Herz ist noch schöner“, schrieb exemplarisch ein entsetzter Forumsteilnehmer: „Wir unterstützen dich alle. Lang lebe das Mutterland!“

          Ablehnung des Nationalismus

          Doch inmitten dieser allgemeinen Stimmung, die sogar Regimekritiker erfasst, kommen mittlerweile Unterschiede zum Vorschein. Verstärkt melden sich Intellektuelle zu Wort, die zwar die Entrüstung über westliche Ressentiments teilen, zugleich aber den Nationalismus ablehnen, der sich in der Bewegung gegen den Westen zeigt. Chang Ping, der stellvertretende Chefredakteur der angesehenen Wochenzeitung „Nanfang Dushibao“ in Kanton, meint in seinem Blog, viele der vermeintlichen Medienkritiker scherten sich schon gar nicht mehr darum, was wahr und was falsch sei, sondern nur noch darum, auf welcher Seite man stehe; alles Reden von universellen Werten hielten diese „Patrioten“ bloß noch für einen betrügerischen Trick, um die dahinterliegenden nationalen Interessen zu verschleiern.

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