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Steinmeier in China : Zum Dank ein Netz voller Fußbälle

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Steinmeier besucht eine Containersiedlung in Dujiangyan Bild: dpa

Zum Abschluss seiner Reise besucht Außenminister Steinmeier das Erdbebengebiet. „Respekt und Sympathie“ habe sich China durch den offenen Umgang mit der Katastrophe erworben, sagt er - und klingt erleichtert.

          Auf die Wahrung der Pietät legt Außenminister Frank-Walter Steinmeier großen Wert. Deshalb wird jedem Mitreisenden, auch den Vertretern aus Deutschlands Wirtschaftsadel, am Samstag eine schriftliche Warnung ins Hotelzimmer gelegt: „Für das morgige Programm wird darauf hingewiesen, dass das Tragen einer Krawatte im Lichte der Katastrophe nicht angemessen ist.“

          Das gilt für Sonntag, den – wiewohl traurigen – Höhepunkt von Steinmeiers China-Reise. Denn da besucht er die Region rund um die Provinzhauptstadt Chengdu, wo von mutmaßlich 85.000 Toten noch immer 15.000 in Schutt und Schlamm begraben liegen. Vor einem Monat bebte hier die Erde und zertrümmerte das Leben von mehr als sechs Millionen Chinesen, von denen die meisten bis heute obdachlos sind.

          Unumgehbare Weltmacht

          „Auf dem Weg ins Paradies“ heißt das Schiff, auf dem für Steinmeier am Abend vor dem Weiterflug ins Erdbebengebiet eine Party gegeben wird. Hier schon fehlen die Krawatten. Kellner schenken Bier und chinesischen Rotwein nach. Deutschlands Außenminister lehnt lachend an der Reling, das schwarze Hemd weit offen und durchnässt von Sommerschwüle und Nieselregen.

          Ordnung selbst in der Katastrophe: Eintrag ins Gästebuch

          Die Wirtschaftsvertreter, Deutsche wie Chinesen, lassen sich einzeln mit Steinmeier fotografieren, „dem Kanzlerkandidaten“, wie er kaum mehr scherzhaft genannt wird. Mit dem reißenden Jangtse, Chinas längstem Fluss, treibt das Schiff entlang der schier endlosen Skyline von Chongqing. An den Ufern blinkt und flackert die Lichtreklame der Wolkenkratzer. Mehr als 30 Millionen Einwohner hat Chongqing und eine Fläche so groß wie Bayern und Thüringen zusammen. Und es wächst täglich, seine Wirtschaft boomt.

          Steinmeier ist davon überzeugt, dass Deutschland des eigenen Wohlstands wegen beteiligt sein muss an Chinas brachialem Wachstum. Bei der Führung in Peking sprach er am Freitag zwar die Lage in Tibet an und forderte eine Einigung mit dem Dalai Lama. Er verhandelte, dass der Menschenrechtsdialog mit Deutschland fortgesetzt wird, und übergab Chinas Ministerpräsident Wen eine Liste mit Namen politischer Gefangener, auf deren Freilassung Berlin dringt. Aber die chinesischen Medien zitierten ihn ausführlich mit seinem Wunsch von der deutsch-chinesischen „Verantwortungspartnerschaft“.

          Steinmeier sieht China als unumgehbare Weltmacht, mit deren Hilfe die Erde vor Terror und Atomkrieg sicherer wird. Und ohne die Klimawandel und Umweltzerstörung schwerlich aufzuhalten sind. Deshalb ist Steinmeier auch nach Chongqing gekommen.

          Deutsche Mülltrennung als Exportmodell?

          Deutschlands große Unternehmen sind längst hier, darunter Siemens, BMW und Degussa. Im vergangenen Jahr wurden allein nach Chongqing deutsche Waren im Wert von einer halben Milliarde Euro eingeführt, 40 Prozent mehr als 2006. Um Chongqing mit der nötigen Energie zu versorgen, wird seit 15 Jahren gegen weltweite Proteste von Umweltschützern der Drei-Schluchten-Staudamm in der Nachbarprovinz gebaut, wozu ganze Städte abgerissen und Millionen Menschen umgesiedelt worden sind.

          „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ heißt die Veranstaltungsserie des Auswärtigen Amtes, mit der es bis 2010 in China für Deutschland werben will. Bundeskanzlerin Merkel eröffnete die Reihe im August in Nanking. Steinmeier setzt sie nun in Chongqing fort, indem er am Sonntag Hauptredner auf einem Urbanisierungsforum ist. Der höchste KP-Sekretär der Stadt sagt dem Vizekanzler mit süffisantem Lächeln eine „vielversprechende Zukunft“ voraus.

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