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China und die Katastrophe : Es gibt kein falsches Beben im richtigen

  • -Aktualisiert am

Auf dem Tianfu-Platz in Chengdu gedenken die Einheimischen der Opfer Bild: AFP

Erst die Naturkatastrophe bringt das wahre China zum Vorschein: eine sich im Mitfühlen einigende Nation, die schlechte Nachrichten nicht mehr ignoriert und das Schreckliche ungeniert benennt.

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          Das Erdbeben hat China verändert. Noch nie wurde so ausdauernd und detailliert über schlechte Nachrichten berichtet; nie wurden in allen Teilen der Bevölkerung so viele Spenden gesammelt; und selten wurde staatliche Symbolik so ernst genommen wie gerade jetzt, da sie sich durch das Halbmastsetzen der Nationalflagge selbst relativiert und ihren Triumphalismus vorübergehend aussetzt. Bei den landesweit verfügten Schweigeminuten erhoben sich die Leute auf der Straße, in den Bussen, in den Geschäften tatsächlich, und ihre Mienen ließen keinen Zweifel daran, dass sie dies, ganz anders als bei den üblichen kollektiven Verordnungen, mit innerer Beteiligung taten. Auf dem Tiananmen-Platz und an vielen anderen Orten brach die Menge danach in den trotzigen Ruf „China, gib Gas“ aus, der sonst nur aus Sportstadien bekannt ist.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Unterdessen scheint auch der Inhalt dessen, was „China“ bedeutet, nicht mehr der gleiche zu sein. Die Erschütterung über das unvorstellbare Leid der Menschen in der Krisenregion, über das vom ersten Programm des staatlichen Fernsehsenders CCTV rund um die Uhr berichtet wurde, hat die Art des Zusammengehörigkeitsgefühls verändert. Bis jetzt gab es, seitdem der Öffentlichkeit das Nachdenken über die politische Zukunft mit dem Massaker von 1989 aus der Hand genommen worden war, keinen anderen nationalen Bezugspunkt als den wachsenden wirtschaftlichen Erfolg und die Spiegelung in der Außenwelt. Beides sollte seinen Gipfelpunkt in der Selbstdarstellung bei den Olympischen Spielen erreichen, ein Ehrgeiz, der dann durch die Ablehnung des Westens in eine gegen diesen gerichtete Bewegung umschlug. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Katastrophe kommt dieser Horizont vielen plötzlich nachgerade irreal vor.

          Was die Liebe tut

          Mitleiden und Hilfsbereitschaft, heißt es jetzt, sollen die Nation ausmachen – nicht das also, was die Chinesen von anderen Menschen trennt, sondern was sie mit ihnen verbindet. „Die Liebe führt alle Menschen in China zusammen“ lautete bei CCTV das oft wiederholte Leitmotiv einer vierstündigen Spendengala, bei der bekannte Politbüromitglieder, Schauspieler, Tänzer, Moderatoren und Schriftsteller ihre Geldumschläge überreichten. „Ich glaube, unser ganzes Volk ist reifer geworden“, sagte an diesem Abend eine alte Sängerin.

          Viele Menschen müssen hier auch übernachten
          Viele Menschen müssen hier auch übernachten : Bild: AFP

          In den Zeitungen und im Internet gehören mit einem Mal Worte wie „Katharsis“ und „Spiritualität“ zu den am häufigsten gebrauchten Begriffen. In Foren wie Sina.com wird dazu aufgerufen, für die Opfer zu beten – worin sich nicht unbedingt eine spezielle Gottesvorstellung ausdrückt, sondern eher der traditionelle Ahnenkult, der sich mit einem vom Westen übernommenen Sprachgebrauch mischt. „Der Himmel hat kein Gefühl, aber wir Menschen schon“, hieß es in Übereinstimmung mit der chinesischen Überlieferung in einem Lied auf der Spendengala.

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