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Mit Seiner Heiligkeit auf Tournee : Dalai sein ist alles

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„Ich will für jeden das sein, was er in mir sehen möchte” Bild:

Wie der 14. Dalai Lama mit Dämonen, Denunzianten und deutschen Fans zurechtzukommen versucht, die ihn für einen Fitnesstrainer fürs Bewusstsein halten. Und warum er trotz der aussichtslosen Lage tapfer weiterlächelt.

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          In der Reihe vor ihm sitzen Peter Maffay, Wolfgang Niedecken, Veronica Ferres, Liz Mohn, und der vierzehnte Dalai Lama regt sich auf. Nicht über die Zustände in Tibet, nicht über China und schon gar nicht über die Feigheit der SPD, er wettert gegen einen Geist. Vor dem Eingang des Ruhrcongresscenters Bochum hatten sich Unterstützer des Schutzgeistes Shugden versammelt und riefen stundenlang, seltsamer Übersetzungsfehler oder mnemotechnischer Trick: „Religionsfreiheit Dalai Lama gib!“

          Na, die da draußen, die kenne er, redet sich der Friedensnobelpreisträger in Rage. Bereits der fünfte Dalai Lama habe mit Shugden seine Probleme gehabt, das gehe nun schon 370 Jahre, und es werde immer doller. Früher habe er selbst ja noch, aus reiner Ignoranz, wie er gleich einräumte, zu Shugden gebetet, bald aber gemerkt, dass dieser Geist „Probleme verursacht“.

          Wie auf einem Jusokongress der Siebziger

          Ein Kloster in Indien habe große Schwierigkeiten bekommen, und bei genauerer Untersuchung durch erfahrene Geistliche sei herausgekommen, dass Shugden hinter der Sache stecke. „Es ist wirklich ein sehr schädlicher Geist!“, donnert er in die vollbesetzte Halle, aus der sicher kein Widerspruch kommen wird. Und wenn jetzt die Anhänger Shugdens behaupten, er, der Dalai Lama, vertrete allein die Schule der Gelug, so sei das eine Lüge. Aber mehr noch: Sie gingen, in ihrer Verblendung, sogar so weit zu drohen, dass einer, der auch nur Schriften von Nyingma zu Hause aufbewahre, von Shugden getötet werde.

          Das wiederholt der Dalai Lama dann gleich noch mal, denn offenbar fällt der Groschen in Bochum noch nicht.

          Das zunehmend fassungslosere Saalpublikum erfuhr so, dass es auch im vermeintlich so niedlichen Buddhismus zugehen kann wie auf einem Jusokongress der siebziger Jahre, bloß blutiger: Der Leiter des Dalai-Lama-Instituts für buddhistische Dialektik fiel vor einigen Jahren einem Attentat der Shugden-Anhänger zum Opfer; umgekehrt behaupten die Shugden-Leute in einer in Bochum verteilten Broschüre, der Dalai Lama beschäftige maskierte Todesschwadronen gegen ihre Anhänger. Ins Bild des Bono und Bob Geldof unterstützenden Ethno-Onkels passt das alles nicht.

          „Ich will“, sagt der Dalai Lama gern, „für jeden das sein, was er in mir sehen möchte“. An Widersprüchen und Missverständnissen ist folglich kein Mangel. Weil er selbst so ein fröhlicher Typ ist, glauben manche missinformierte Westler, er sei so ein Fitnesstrainer fürs Bewusstsein. Und weil er so viel Zuspruch für die Sache Tibets erhält, mag es scheinen, als sei die Sache auf einem guten Weg.

          Ein Teufel ohne Hörner

          Seine Lage ist in Wahrheit ziemlich düster: Für seine Landsleute kann der seit fast fünfzig Jahren exilierte Dalai Lama kaum etwas tun; über Geld, Öl oder gar militärische Macht verfügt er nicht, und die Zeit arbeitet gegen ihn. Er wird dreiundsiebzig, und einen fünfzehnten Dalai Lama muss man nach seinem Tod in einem Kind finden – bis ein volljähriger Dalai Lama wieder die Sache Tibets vertreten kann, wird also mindestens ein Jahrzehnt vergehen. Zudem haben die Chinesen alle Vorkehrungen getroffen, um selbst zu bestimmen, wer dereinst dafür in Frage kommt; denn den vom Dalai Lama anerkannten Panchen Lama, einen kleinen Jungen, der später die Wahl eines neuen Dalai Lama mitzubestimmen hätte, haben sie an unbekanntem Ort einkassiert.

          Es ist, so besehen, ein Zeichen von bemerkenswerter geistiger Ausgeglichenheit, wie munter der Dalai Lama durch das Bochumer Rathaus watschelt, sein Interesse für lokale Begebenheiten kundtut und sich immer wieder totlacht. Die Chinesen, nein, wie die ihn manchmal darstellen, freut er sich, wie einen Teufel, bloß ohne Hörner, und verfällt in sein weltweit bekanntes Lachen.

          Ein Korrespondent einer chinesischen Tageszeitung hat auch den Weg nach Bochum gefunden und befragt den Dalai Lama kritisch nach Querverbindungen zwischen dessen Beratern und den gewaltbereiten Kräften im tibetischen Jugendverband. Bevor er antwortet, tuschelt der Dalai Lama mit seinem immer hinter ihm sitzenden Chefberater, dem stets im Diplomatenanzug auftretenden Kelsang Gyaltsen: Jedes Wort, jede Formulierung finden weltweit Beachtung.

          „Das Problem ist einfach zu groß

          In den hinteren Reihen des Bochumer Rathaussaals sitzen drei Mönche, die mit dem Dalai Lama reisen. Wenn man keine Zeitung läse, käme man nie auf die Idee, dass diese kleine Truppe von autodidaktischen Geistlichen aus dem Hochgebirge täglich die Supermacht herausfordert. In dem eben erschienenen Buch „The Open Road“ gibt der Dalai Lama dem ihn seit Jahrzehnten begleitenden Journalisten Pico Iyer seine Sicht auf die wahren Machtverhältnisse wieder, die auch die deutsche Diskussion relativiert: All die Staatsmänner, Politiker und Wirtschaftsbosse, die er treffe, sagt der Dalai Lama da, seien immer sehr engagiert und wollten wirklich helfen, aber für ihn sei es doch frustrierend, weil er genau weiß: „Die können nichts machen. Das Problem ist einfach zu groß.“

          Insofern ist es rührend, wenn der nordrhein-westfälische Landesminister Andreas Krautscheid in seinem Grußwort in Mönchengladbach erst einmal sein Beileid angesichts der Opfer des Erdbebens in Sichuan ausdrückt, bevor er den Dalai Lama lobt, als würde der Zorn Pekings noch unerträglicher, wenn man nicht dieses humanitäre Zeichen des Mitgefühls voranschickte.

          Schließlich ermannt er sich dann aber doch zu dem zwar politisch klaren, aber metaphorisch verunglückten Satz, man müsse in Fragen der Menschenrechte „den Mund aufmachen, auch wenn man damit anderen auf die Füße tritt“.

          In seiner Gegenwart nimmt man Dinge lockerer

          Mit dem Dalai Lama fällt plötzlich das Licht der Weltöffentlichkeit auf Deutschland, und wie sehen wir darin aus? Es könnte schlimmer sein. Seltsamerweise nimmt man in der Gegenwart des Dalai Lama die Dinge lockerer. Es regt gar nicht auf, wenn Peter Maffay in der Bochumer Veranstaltung mehrmals stolz den Slogan „Herausforderung Zukunft“ anführt, der, wie man ihn auch auslegt, völlig sinnfrei ist.

          Man muss auch gar nicht mitlachen, wenn der Nachbar bemerkt, die Frage der Moderatorin, ob der Dalai Lama die Befreiung Tibets noch erleben werde, sei doch sehr komisch: schließlich glaube der Mann an ewige Wiedergeburt.

          So eine Veranstaltung mit dem Dalai Lama ist zugleich hochprofessionell und enttäuschend. Bei seinen öffentlichen Auftritten verkündet der Dalai Lama eine allgemeinverständliche, überkonfessionelle Version seiner komplexen Lehren, die leicht etwas banal wirken. Er weist dem westlichen Publikum nicht den Weg zu einer höheren spirituellen Bewusstseinsstufe, sondern zu etwas, das in seinem eigentümlichen Englisch wie heppileif klingt, ein glückliches Leben. Die Tipps, die er dafür hat, sind golden und immer richtig, aber darin erschöpft sich das Phänomen nicht.

          Ein Orakel, das regiert

          Ein Indiz dafür ist das dauernde Gegähne und Einnicken. Der Dalai Lama redet oft vom Schlaf und davon, wie wichtig für ihn die acht, neun Stunden guter Nachtruhe seien. Das sei Meditation mal nicht fürs Nirvana, sondern zum Überleben, sagte er scherzhaft seinem Biografen Pico Iyer. (Siehe auch: Dalai Lama: Der große Pragmatiker) Um halb vier steht er dann auf, um erst mal vier Stunden zu meditieren. All das Gerede über Schlaf, Traumdeutung und Meditation erzeugt eine seltsame Stimmung zwischen Dämmern und Reflexion. Mal nickt der Berater Kelsang Gyaltsen auf offener Bühne ein, oder Honoratioren schließen die Augen, immer gähnt jemand.

          Der Dalai Lama wird mit unmenschlicher, vormenschlicher Frühe assoziiert. Mit vier Jahren auf den Thron gehoben, in der Kälte und der Höhe des Himalajas, in einem Land, das bis zum Jahr 1950 überhaupt nur zweitausend westliche Besucher bereist hatten, einem Land, in dem Dämonen nach wie vor eine große Rolle spielen, nicht allein bei den Shugden-Leuten: Bis heute gehören vier Orakel zur tibetischen Exilregierung; der Dalai Lama nennt sie sein Oberhaus. Einer von ihnen rettete ihm das Leben: Als der vierundzwanzigjährige Dalai Lama aus Tibet fliehen musste, ließ er sich von einem in Trance versetzten Orakel die lebensgefährliche Fluchtroute über den Himalaja beschreiben.

          Himalajahaft kitschig

          Womöglich glauben all die Nichtbuddhisten, die sich so gern mit dem Dalai Lama beschäftigen, in ihm die Kindheit der Menschheit zu erkennen? Sandra Maischberger fragte ihn, mit welchen Gefühlen er selber denn heute das Bild betrachte, das ihn dabei zeigt, wie er mit vier Jahren in sein Amt eingeführt wurde. „Mitleid“, sagt er sofort und kichert leise, um dann noch anzufügen: „und: guter Junge!“

          Stolz und Trauer über die verlorene Kindheit, die buddhistische Dialektik entlässt uns nicht aus der Reflexion, sie macht alles immer nur komplizierter. Wenn das Land überhaupt etwas vom Dalai Lama lernen kann, dann das: noch mehr nachdenken.

          Und so kommt es vielleicht, dass er in seiner Umgebung auch immer mehr zum Nachdenken anregt. Dieser Stein zum Beispiel, der plötzlich im Zug auf der Bank gegenüber saß, kaum hatte ich mich in die Lektüre der Dalai-Lama-Bücher vertieft. Als fundamental unabergläubischer Mensch wollte ich das Ding, einen orangenen Klumpen, dennoch schnell wieder loswerden und wandte mich an den Schaffner.

          Nun folgte eine Belehrung darüber, dass wir in einer Marktwirtschaft leben, in der bereits der Anruf bei der Fundsachenhotline der Bahn ein kleines Vermögen koste, von den Zustellkosten ganz zu schweigen. Er werde den Stein also nicht als Fundsache annehmen, er sei sicher weniger wert als 15 Euro. Marktwirtschaft halt. Schon thronte das Ding auf meinem Dalai-Lama-Bücherstapel, so himalajahaft kitschig und zeichenbeladen, wie ich es nicht mag – und da wusste ich noch gar nichts von Dämonen ohne Hörner und dem Fluch der Shugden.

          Und jetzt? Der Dalai Lama ist fort, der Stein ist geblieben. Wohin mit dem Ding?

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