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Mit Seiner Heiligkeit auf Tournee : Dalai sein ist alles

  • -Aktualisiert am

Ein Orakel, das regiert

Ein Indiz dafür ist das dauernde Gegähne und Einnicken. Der Dalai Lama redet oft vom Schlaf und davon, wie wichtig für ihn die acht, neun Stunden guter Nachtruhe seien. Das sei Meditation mal nicht fürs Nirvana, sondern zum Überleben, sagte er scherzhaft seinem Biografen Pico Iyer. (Siehe auch: Dalai Lama: Der große Pragmatiker) Um halb vier steht er dann auf, um erst mal vier Stunden zu meditieren. All das Gerede über Schlaf, Traumdeutung und Meditation erzeugt eine seltsame Stimmung zwischen Dämmern und Reflexion. Mal nickt der Berater Kelsang Gyaltsen auf offener Bühne ein, oder Honoratioren schließen die Augen, immer gähnt jemand.

Der Dalai Lama wird mit unmenschlicher, vormenschlicher Frühe assoziiert. Mit vier Jahren auf den Thron gehoben, in der Kälte und der Höhe des Himalajas, in einem Land, das bis zum Jahr 1950 überhaupt nur zweitausend westliche Besucher bereist hatten, einem Land, in dem Dämonen nach wie vor eine große Rolle spielen, nicht allein bei den Shugden-Leuten: Bis heute gehören vier Orakel zur tibetischen Exilregierung; der Dalai Lama nennt sie sein Oberhaus. Einer von ihnen rettete ihm das Leben: Als der vierundzwanzigjährige Dalai Lama aus Tibet fliehen musste, ließ er sich von einem in Trance versetzten Orakel die lebensgefährliche Fluchtroute über den Himalaja beschreiben.

Himalajahaft kitschig

Womöglich glauben all die Nichtbuddhisten, die sich so gern mit dem Dalai Lama beschäftigen, in ihm die Kindheit der Menschheit zu erkennen? Sandra Maischberger fragte ihn, mit welchen Gefühlen er selber denn heute das Bild betrachte, das ihn dabei zeigt, wie er mit vier Jahren in sein Amt eingeführt wurde. „Mitleid“, sagt er sofort und kichert leise, um dann noch anzufügen: „und: guter Junge!“

Stolz und Trauer über die verlorene Kindheit, die buddhistische Dialektik entlässt uns nicht aus der Reflexion, sie macht alles immer nur komplizierter. Wenn das Land überhaupt etwas vom Dalai Lama lernen kann, dann das: noch mehr nachdenken.

Und so kommt es vielleicht, dass er in seiner Umgebung auch immer mehr zum Nachdenken anregt. Dieser Stein zum Beispiel, der plötzlich im Zug auf der Bank gegenüber saß, kaum hatte ich mich in die Lektüre der Dalai-Lama-Bücher vertieft. Als fundamental unabergläubischer Mensch wollte ich das Ding, einen orangenen Klumpen, dennoch schnell wieder loswerden und wandte mich an den Schaffner.

Nun folgte eine Belehrung darüber, dass wir in einer Marktwirtschaft leben, in der bereits der Anruf bei der Fundsachenhotline der Bahn ein kleines Vermögen koste, von den Zustellkosten ganz zu schweigen. Er werde den Stein also nicht als Fundsache annehmen, er sei sicher weniger wert als 15 Euro. Marktwirtschaft halt. Schon thronte das Ding auf meinem Dalai-Lama-Bücherstapel, so himalajahaft kitschig und zeichenbeladen, wie ich es nicht mag – und da wusste ich noch gar nichts von Dämonen ohne Hörner und dem Fluch der Shugden.

Und jetzt? Der Dalai Lama ist fort, der Stein ist geblieben. Wohin mit dem Ding?

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