https://www.faz.net/-gd7-x1u9

Mit Seiner Heiligkeit auf Tournee : Dalai sein ist alles

  • -Aktualisiert am

Es ist, so besehen, ein Zeichen von bemerkenswerter geistiger Ausgeglichenheit, wie munter der Dalai Lama durch das Bochumer Rathaus watschelt, sein Interesse für lokale Begebenheiten kundtut und sich immer wieder totlacht. Die Chinesen, nein, wie die ihn manchmal darstellen, freut er sich, wie einen Teufel, bloß ohne Hörner, und verfällt in sein weltweit bekanntes Lachen.

Ein Korrespondent einer chinesischen Tageszeitung hat auch den Weg nach Bochum gefunden und befragt den Dalai Lama kritisch nach Querverbindungen zwischen dessen Beratern und den gewaltbereiten Kräften im tibetischen Jugendverband. Bevor er antwortet, tuschelt der Dalai Lama mit seinem immer hinter ihm sitzenden Chefberater, dem stets im Diplomatenanzug auftretenden Kelsang Gyaltsen: Jedes Wort, jede Formulierung finden weltweit Beachtung.

„Das Problem ist einfach zu groß

In den hinteren Reihen des Bochumer Rathaussaals sitzen drei Mönche, die mit dem Dalai Lama reisen. Wenn man keine Zeitung läse, käme man nie auf die Idee, dass diese kleine Truppe von autodidaktischen Geistlichen aus dem Hochgebirge täglich die Supermacht herausfordert. In dem eben erschienenen Buch „The Open Road“ gibt der Dalai Lama dem ihn seit Jahrzehnten begleitenden Journalisten Pico Iyer seine Sicht auf die wahren Machtverhältnisse wieder, die auch die deutsche Diskussion relativiert: All die Staatsmänner, Politiker und Wirtschaftsbosse, die er treffe, sagt der Dalai Lama da, seien immer sehr engagiert und wollten wirklich helfen, aber für ihn sei es doch frustrierend, weil er genau weiß: „Die können nichts machen. Das Problem ist einfach zu groß.“

Insofern ist es rührend, wenn der nordrhein-westfälische Landesminister Andreas Krautscheid in seinem Grußwort in Mönchengladbach erst einmal sein Beileid angesichts der Opfer des Erdbebens in Sichuan ausdrückt, bevor er den Dalai Lama lobt, als würde der Zorn Pekings noch unerträglicher, wenn man nicht dieses humanitäre Zeichen des Mitgefühls voranschickte.

Schließlich ermannt er sich dann aber doch zu dem zwar politisch klaren, aber metaphorisch verunglückten Satz, man müsse in Fragen der Menschenrechte „den Mund aufmachen, auch wenn man damit anderen auf die Füße tritt“.

In seiner Gegenwart nimmt man Dinge lockerer

Mit dem Dalai Lama fällt plötzlich das Licht der Weltöffentlichkeit auf Deutschland, und wie sehen wir darin aus? Es könnte schlimmer sein. Seltsamerweise nimmt man in der Gegenwart des Dalai Lama die Dinge lockerer. Es regt gar nicht auf, wenn Peter Maffay in der Bochumer Veranstaltung mehrmals stolz den Slogan „Herausforderung Zukunft“ anführt, der, wie man ihn auch auslegt, völlig sinnfrei ist.

Man muss auch gar nicht mitlachen, wenn der Nachbar bemerkt, die Frage der Moderatorin, ob der Dalai Lama die Befreiung Tibets noch erleben werde, sei doch sehr komisch: schließlich glaube der Mann an ewige Wiedergeburt.

So eine Veranstaltung mit dem Dalai Lama ist zugleich hochprofessionell und enttäuschend. Bei seinen öffentlichen Auftritten verkündet der Dalai Lama eine allgemeinverständliche, überkonfessionelle Version seiner komplexen Lehren, die leicht etwas banal wirken. Er weist dem westlichen Publikum nicht den Weg zu einer höheren spirituellen Bewusstseinsstufe, sondern zu etwas, das in seinem eigentümlichen Englisch wie heppileif klingt, ein glückliches Leben. Die Tipps, die er dafür hat, sind golden und immer richtig, aber darin erschöpft sich das Phänomen nicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Brexit-Gegner protestieren in London

Brexit-Abstimmung verschoben : Johnsons Chancen

Abermals ist es den Brexit-Gegnern gelungen, den Ausstiegsprozess aufzuhalten. Es klingt widersinnig, aber Johnson ist seinem Ziel, einem Austritt Ende des Monats, dennoch ein Stück näher gekommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.