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Dalai Lama : Der große Pragmatiker

  • -Aktualisiert am

Dalai sein ist alles - seine Heiligkeit bei einer Pressekonferenz in Delhi Bild: REUTERS

Das Beharren des Dalai Lama auf Gewaltlosigkeit ist keine naive Träumerei, sondern die einzig sinnvolle Strategie, um Tibet zu retten. Das Volk hat an seiner Spitze den entschiedensten Realpolitiker, den man sich denken kann.

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          Das große Ganze und der Alltag, die langfristige Perspektive und die aktuelle Lage - die Vision eines Mönchs und die eines Guerrillakämpfers. Seit fünfunddreißig Jahren erlebe ich diese Debatte, ob in Dharamsala oder anderswo unter Exiltibetern, in Teestuben, in Häusern, wo immer Angehörige der älteren Generation (die Tibet kennen) und der jüngeren (die von Tibet nur träumen) zusammenkommen.

          In gewisser Weise gleicht sie der Debatte, die in Tibet selbst geführt wird, wo die eine Gruppe von „Befreiung“ spricht (von Rückständigkeit, Armut und Schmutz, vom Feudalismus, wie die Chinesen es genannt haben), während die anderen, in den Klöstern, unter „Befreiung“ die Freiheit von Unwissenheit, Abhängigkeit und Selbsttäuschung verstehen, die nur Leid bringt. Sie erinnert an den Richtungsstreit zwischen Martin Luther King und Malcolm X, zwischen Gandhi und Nehru, zwischen Falken und Tauben in Israel. „Ich reinige meine Gedanken und besinne mich auf Mitleid“, sagt ein typischer junger Tibeter. „Aber wie kann das helfen, wenn die Pekinger Regierung meinen Bruder ins Gefängnis wirft, meiner Mutter verbietet, ein Bild des Dalai Lama mit sich zu tragen, und meine Heimat von der Landkarte löscht?“

          Tibeter führen intensive Debatte

          „Alles dauert seine Zeit“, sagt der Dalai Lama. „Du darfst nicht einer momentanen Empörung erliegen.“

          Man kann Feuer nur mit Feuer bekämpfen, antwortet der Militante; halte einer Schlange deine Hand hin, und sie wird dich beißen.

          „Was durch Feuer verbrannt wird, soll durch Feuer geheilt werden“, hat der Dalai Lama ruhig erklärt, wie zur Antwort. Auge um Auge, sagte Gandhi, das macht die ganze Welt blind.

          Doch unter Tibetern wird die Debatte immer intensiver und schärfer geführt, weil von Tibet selbst immer weniger übrigbleibt. Wenn in den nächsten Jahren nichts geschieht, sagt der Dalai Lama seit langem, wird das Tibet, das wir kennen, ein für alle Mal verschwunden sein. Im Namgyal-Kloster, gleich neben dem Haus des Dalai Lama, sehe ich einen Geländewagen, auf dessen Ersatzradhülle „TIME IS RUNNING OUTTTTTT. . .“ steht - neunzehn Ts, wie Grabsteine aneinandergereiht.

          Einst war Tibet ein Meer von Wärme und Farbe

          Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: es stimmt. Als Tibet 1985 zum ersten Mal für die Welt geöffnet wurde, war das Land ein Meer von Wärme und Farbe, die Tibeter strömten aus den Häusern, um die ungewohnten Ausländer zu sehen, Mönche sangen in den Kapellen, in die sie teilweise zurückkehren durften, und nach Jahrzehnten von Unterdrückung und Zerstörung war eine gewisse Zuversicht zu spüren. Aber die Anwesenheit von Ausländern, den Augen und Ohren der Welt, ermutigte die Tibeter fast zwangsläufig, ihre Stimme gegen ihre Besatzer zu erheben, so dass in den Köpfen der Chinesen die Angst vor einer Volkserhebung herumspukte. Als ich 1990 wieder in Lhasa war, standen außerhalb der Hauptstadt überall Panzer, und bewaffnete Soldaten patrouillierten über den Hausdächern im Umkreis des zentralen Jokhang-Tempels. Tibet stand unter Kriegsrecht, und Touristen bekamen nur dann eine Reisegenehmigung, wenn sie viel Geld bezahlten und in Gruppen reisten (meine Gruppe bestand nur aus mir).

          Die Stadt, die mich fünf Jahre zuvor so verzaubert hatte, existierte praktisch nicht mehr. Tibeter durften den Potala-Palast nicht betreten, das jahrhundertealte Symbol ihrer Kultur und Tradition, sie standen vor dem Tor, sahen wehmütig den paar Touristen hinterher, die in der falschen Richtung, gegen den Uhrzeigersinn, durch den Palast geführt wurden. Die meisten Räume waren verschlossen, hin und wieder ging auch das Licht aus. Der tibetische Guide, von den Chinesen geschult, erklärte mir in allen Einzelheiten, dass dies ein weltlicher Wohnsitz sei, der Palast eines Königs, bis zwei englische Touristen in unserer Nähe darauf hinwiesen, dass dieser König ein Mönch und der Potala also nicht nur ein Palast, sondern auch ein Tempel sei.

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