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China und Australien : Die Koordinaten verschieben sich

Premier Kevin Rudd auf Antrittsbesuch beim chinesischen Präsidenten Hu Bild: picture-alliance/ dpa

Seit China und Australien formal diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, entwickelte sich das Verhältnis stürmisch. Unübersehbar bringt sich der neue australische Premierminister nun als politischer Makler ins Spiel.

          „Wie eine Tonne Backsteine“ werde es auf die Demonstranten niederprasseln, sollten sie Gewalt anwenden. Das sagte der australische Premierminister Kevin Rudd am Tag vor dem olympischen Fackellauf durch Canberra. Und es war nicht nur als Drohung gegenüber potentiellen Unruhestiftern gemeint, sondern auch als Versicherung gegenüber Peking.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          An Personen, die an dem Fackellauf politisch Anteil nahmen, mangelte es nicht. Menschenrechte sind für Australier ein ähnlich sensibles Thema wie für Europäer und Amerikaner; mehrere Tibet-Unterstützergruppen nutzten das Spektakel für Proteste. (Siehe auch: Die Route des olympischen Feuers) Zugegen waren aber auch Tausende fahnenschwenkende Chinesen, von denen viele einen australischem Pass besitzen. So stark ist die Einwandergruppe aus der Volksrepublik in den vergangenen Jahren gewachsen, dass schon eine Abkürzung für sie im Umlauf ist: ABC - „australian-born chinese“.

          Amerika sieht seine Vormachtstellung bedroht

          Im Umgang mit China gilt es für Australien viele Interessen zu berücksichtigen. Seit die beiden Länder in den frühen siebziger Jahren formal diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, entwickelte sich das Verhältnis stürmisch. Mittlerweile hat China Japan hinter sich gelassen und ist zu Australiens wichtigstem Wirtschaftspartner aufgestiegen. Die wachsende chinesische Volkswirtschaft wiederum hängt vor allem von den Bodenschätzen Australiens ab; allein Chinas Bedarf an Eisenerz wird zu 40 Prozent aus Westaustralien gedeckt.

          Pro-China-Demonstranten begleiten den Fackellauf

          Die so entstandene Nähe droht die politischen Koordinaten zu verschieben. Traditionell sieht sich Australien an der Seite der Vereinigten Staaten, die aber in China eine Bedrohung ihrer Vormachtstellung in Asien erkennen. Mit dem informellen Sicherheitsdialog, den Australien mit Amerika und Japan führt - zwischenzeitlich gehörte auch Indien dazu -, will Canberra deutlich machen, wo es seine politische Heimat sieht. Aber um China nicht zu vergrätzen, das die Runde der pazifischen Demokraten als ein gegen sich gerichtetes Eindämmungsinstrument betrachtet, sah sich Canberra im vergangenen Herbst dazu genötigt, Peking einen eigenen bilateralen Strategie-Dialog anzubieten.

          Die neue Regierung Rudd ging noch einen Schritt weiter auf China zu und gab im Februar bekannt, dass man zum Trialog ohne die Atommacht Indien zurückkehren wolle. Dass Rudd gleichzeitig eine Ankündigung der konservativen Vorgängerregierung rückgängig machte und nun doch kein Uran an Indien liefern lassen wird, dürfte der kommunistischen Führung ebenfalls gefallen haben.

          „Wahre tiefe Freundschaft“

          Rudd wird nachgesagt, dass er unter den drei Pfeilern der australischen Außenpolitik - Amerika, Europa und China - letzterem die größte Bedeutung beimisst. Das hat auch mit seiner Person zu tun. Peking war der erste diplomatische Posten des studierten Sinologen. Als er den Auswärtigen Dienst verließ, bereiste er die Volksrepublik weiterhin - nun als Wirtschaftsberater. Rudd spricht nicht nur fließend Mandarin, er hat aus eigener Anschauung ein Gefühl für die regionale und globale Bedeutung der aufstrebenden Macht entwickelt.

          Während seines offiziellen Besuchs gelang ihm kürzlich der Balanceakt, in Peking zugleich die „schwerwiegenden Menschenrechtsprobleme in Tibet“ anzusprechen und seine Gastgeber gewogen zu halten. Als Zauberwort führte er vor Studenten in der Universität Peking den alt-chinesischen Begriff „zhengyou“ ein, der eine „wahre tiefe Freundschaft“ beschreibt, die über aktuelle Interessen und Meinungsverschiedenheiten erhaben ist. Rudds Bemühen, sich als Makler zwischen China und dem Westen aufzubauen, ist unübersehbar.

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