https://www.faz.net/-gpf-9hvba

China-Kommentar : Der verordnete Stolz

Zwei Männer stehen in Hongkong vor einem Gemälde, das den chinesischen Staatschef Xi mit Jugendlichen zeigt. Bild: EPA

Der Triumphalismus der chinesischen Führung sprengt jedes Maß. Wohin soll das führen?

          Vor 40 Jahren begann in China die Reform- und Öffnungspolitik. Sie hat nicht nur das Land, sondern die Welt verändert. Umso bezeichnender ist es, dass das Jubiläum international kaum Beachtung fand. Kaum jemand in Europa weiß, was 1978 in Peking passiert ist. Viele Chinesen sehen darin eine mangelnde Anerkennung ihrer Leistungen. Das mag eine Rolle spielen. Doch der Hauptgrund für die geringe Resonanz ist ein anderer: Die Partei verweigert sich einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und verordnet dem Volk stattdessen geschichtsvergessenen Stolz.

          Anderswo gäbe ein Jahrestag wie dieser Anlass zu Debatten über die Lehren der Vergangenheit, über Leistungen, Brüche und Fehlentwicklungen. In China ist das anders. Schon immer hat die Kommunistische Partei die Vergangenheit in ihren Dienst gestellt und nach Belieben umgeschrieben, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Doch der Triumphalismus, mit dem die chinesische Führung diesen 40. Jahrestag begeht, und die Unverfrorenheit, mit der Staats- und Parteichef Xi Jinping zum Helden dieser Geschichte stilisiert wird, sprengen jedes Maß.

          Trunkenheit und fatale Selbstüberschätzung

          Vor gut einem Jahr hat ein chinesischer Parteifunktionär vor einer Wiederkehr der Mentalität des „Großen Sprungs nach vorn“ gewarnt, jener fatalen Selbstüberschätzung zu Maos Zeiten, die Millionen Chinesen das Leben kostete. Der Direktor des Zentrums für Außenpolitik der Zentralen Parteischule, Luo Jianbo, sprach von einem „unreifen Gefühl nationaler Großartigkeit“ und von einer Trunkenheit angesichts des Aufstiegs Chinas inmitten des gleichzeitigen Abstiegs anderer Nationen. Aus der Geschichte des „Großen Sprungs nach vorn“ ließen sich wichtige Lehren ziehen. Doch leider ist sie tabu. Das Buch „Grabstein“, das die daraus hervorgehende Hungerkatastrophe beschreibt, ist in China verboten. Das Porträt des Mannes, der sie verursacht hat, hängt noch immer am Platz des Himmlischen Friedens.

          Im kommenden Jahr stehen weitere bedeutende Gedenktage an. Als Erstes der hundertste Jahrestag der „4.-Mai-Bewegung“, die Chinas Rolle in der Welt nach dem Ersten Weltkrieg neu zu definieren suchte. Er wäre wie geschaffen für Debatten über Chinas Verhältnis zum Westen, doch es ist kaum zu erwarten, dass sie zugelassen werden. Am 4. Juni folgt der 30. Jahrestag der Niederschlagung der Studentenbewegung von 1989, ein Ereignis, das die Partei erfolgreich aus dem kollektiven Gedächtnis des Landes ausradiert hat. Das demonstrierte vor drei Jahren die Buchautorin Louisa Lim. Sie zeigte hundert Pekinger Studenten das weltbekannte Foto des Mannes, der sich auf dem Tiananmen-Platz einem Panzer entgegenstellte. Nur 15 von ihnen erkannten ihre Stadt darin. Die anderen tippten auf Südkorea oder das Kosovo.

          Im Mai dieses Jahres jährte sich das Erdbeben von Sichuan zum zehnten Mal. Fast 70.000 Menschen verloren ihr Leben. Doch offizielle Gedenkfeiern gab es kaum, weil sie unweigerlich die Erinnerung daran heraufbeschworen hätten, dass damals wegen Pfusch am Bau Tausende Kinder unter den Schuttbergen ihrer Schulen begraben wurden. Wie verarbeitet eine Gesellschaft solche Traumata, wenn ihr Schweigen verordnet wird? Man kann sich hingegen ausmalen, wie euphorisch im kommenden Oktober der 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik begangen wird. All das ist nicht neu, aber unter Xi Jinping ist der Raum für Debatten noch enger geworden.

          Zwischen Chinas Bild von sich selbst und der Wahrnehmung Chinas in der Welt klafft damit eine immer größere Lücke. Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf seiner China-Reise kürzlich eine Rede vor Studenten hielt und sich auf chinesische Denker bezog, um eine Brücke zu schlagen, blickte er in ratlose Gesichter. Die Geschichte ihres Landes, von der er sprach, kannten sie nicht. Ähnlich groß ist die Irritation, wenn chinesische Studenten erleben, wie im westlichen Ausland über Taiwan oder den Dalai Lama gesprochen wird.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Selbst ein gemeinsames Gedenken der Opfer von Kriegsverbrechen fällt da schwer. Als China im vergangenen Jahr am 80. Jahrestag des Massakers von Nanjing der Opfer der japanischen Greueltaten gedachte, lud es europäische Diplomaten ein, der Zeremonie beizuwohnen. Doch wegen der Art und Weise, wie China den Tag für anti-japanische Propaganda nutzt, sagten die meisten von ihnen ab. Diese Sprachlosigkeit nährt Entfremdung. Wäre China eine Insel, wäre das nicht so tragisch. Aber China ist mitten in der Welt, und angesichts des heraufziehenden Konflikts mit Amerika ist die Entfremdung gefährlich.

          Natürlich folgt Chinas Jugend nicht blind der Propaganda. Die verordnete Amnesie und die kontrollierten Parteimythen führen eher zu Desinteresse an der eigenen Geschichte. Was aber hält eine Gesellschaft zusammen, deren kollektives Geschichtsbewusstsein aus hohlen Phrasen besteht? Bislang hieß es, China entwickle sich so schnell, dass die Leute ohnehin keine Zeit hätten, zurückzublicken. Doch was, wenn das Tempo einmal nachlässt, die Wirtschaft stockt und als einziger Kitt ein geschichtsvergessener Stolz auf die eigene Nation bleibt?

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Geteilte Welt

          FAZ Plus Artikel: Amerika gegen China : Geteilte Welt

          Zwischen Amerika und China tobt ein neuer Kalter Krieg um die wirtschaftliche Vorherrschaft. Immer mehr deutsche Unternehmen müssen sich zwischen den beiden Wirtschaftsmächten entscheiden.

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Topmeldungen

          Streit um Grenzmauer : Trump diffamiert Richter

          Präsident Donald Trump ärgert sich, weil ein Bundesrichter einen Teil der Mittel für Grenzanlagen blockiert hat. Der Richter sei ein „Aktivist“. Trump hat mittlerweile mit sieben Klagen gegen seine Mauer zu Mexiko zu kämpfen.
          Screenshot aus dem Youtube-Video von Rezo: Die Zerstörung der CDU

          Youtuber Rezo und die CDU : Er nervt, weil er muss

          Warum es ausgerechnet einem Youtuber gelang, die CDU zu nötigen, der Jugend ihre Politik zu erklären. Ein Erklärungsversuch.

          DFB-Pokalsieg der Bayern : Lewandowski und seine ganz besondere Show

          Er trifft nicht in entscheidenden Spielen? In den Finals um den DFB-Pokal beweist Robert Lewandowski das Gegenteil. Beim 3:0-Sieg über Leipzig ragt der Stürmer heraus – und stellt mit einem Weltklasse-Tor einen Rekord auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.