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Terrorverfahren : Komplizen im „Charlie Hebdo“-Prozess schuldig gesprochen

Ein Verletzter wird im Januar 2015 nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ in ein Krankenwagen gebracht. Bild: AP

Elf Männer seien an den Anschlägen auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einer Geiselnahme mitschuldig, befand das Gericht in Paris. Der Hauptangeklagte muss für 30 Jahre in Haft.

          2 Min.

          Das Schwurgericht von Paris hat am Mittwoch die elf Komplizen der islamistischen Attentäter vom Januar 2015 schuldig gesprochen. Nach mehr als 50 Prozesstagen sahen die Richter die Mitschuld der Angeklagten an den Morden in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ und bei der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt als erwiesen an. Der Verdacht der terroristischen Vereinigung ließ sich indessen nur in sechs Fällen – Mickael Pastor Alwatik, Amar Ramdani und Willy Prévost und die drei flüchtigen Angeklagten - erhärten. Der Hauptbeschuldigte Ali Riza Polat wurde zu einer Haftstrafe von 30 Jahren verurteilt. Amar Ramdani wurde zu 20 Jahren, Mickael Pastor Alwatik zu 18 Jahren, Willy Prevost zu dreizehn Jahren und Adelaziz Abbad zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sechs weitere Angeklagte müssen für vier bis acht Jahre in Haft. Sie können gegen das Urteil Berufung einlegen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Urteilsverkündung wurde von Überlebenden und Hinterbliebenen der dreizehn Todesopfer der Terroranschläge vom 7., 8. und 9. Januar 2015 im Gerichtssaal verfolgt. Der Vorsitzende Richter bedauerte, dass nur ein Verfahrensfehler dazu geführt habe, dass der antisemitische Charakter der Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt nicht berücksichtigt werden konnte. Er sagte, dass der Terrorist Amédy Coulibaly „sehr wahrscheinlich“ eine jüdische Schule habe angreifen wollen, durch das Einschreiten der Verkehrspolizistin Clarissa Jean-Philippe daran gehindert worden sei. Die Wahl der Opfer – Journalisten, Polizisten und Bürger jüdischen Glaubens – „zeugt von dem Willen, Terror zu verbreiten“, sagte der Richter.

          Mit dem Attentäter befreundet

          Innenminister Gérald Darmanin bewertete den Prozess als „historisch“. Mit dem Urteil ende „der Kreislauf der Gewalt, der in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo begann", schrieb Redaktionsleiter Laurent Sourisseau unter seinem Künstlernamen Riss am Mittwoch. Das wahre Urteil hätten jedoch die Leser von Charlie gesprochen, so Riss. „Jede Woche, in der sie diese äußerst lebendige Zeitung in den Händen halten, und das sechs Jahre nach dem Massaker“, schrieb er in der Ausgabe zum Prozessende.

          Als Hauptbeschuldigter wurde der 35 Jahre alte Ali Riza Polat wegen „Beihilfe zum Mord“ verurteilt. Vom Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wurde er freigesprochen. Polat war mit dem Terroristen Amédy Coulibaly befreundet, der eine Polizistin in Montrouge erschoss und in einem jüdischen Supermarkt an der Porte de Vincennes die Kunden als Geiseln nahm und vier von ihnen tötete.

          Nach den Terroranschlägen hatte Polat versucht, sich über den Libanon nach Syrien abzusetzen. Der Mann mit  türkisch-französischer Staatsbürgerschaft hatte während des Prozesses immer wieder Aufsehen erregt. Er musste vom Vorsitzenden Richter wiederholt zur Ordnung gerufen werden.

          Stolz auf Waffen- und Rauschgifthandel

          Der Prozess musste unterbrochen werden, nachdem er und weitere Angeklagte an Covid-19 erkrankt waren. Nach seiner Rückkehr in den Gerichtssaal klagte Polat über andauernde Übelkeit. Ein Gutachten kam jedoch zu dem Schluss, dass er verhandlungsfähig sei. Polat legte sich mehrmals ostentativ auf eine Bank oder spuckte in eine Schüssel. Am letzten Verhandlungstag sagte er, er könne sich nicht für etwas entschuldigen, was er nicht getan habe. Er bestritt, von den Terrorplänen seines Freundes gewusst zu haben.

          Auch die anderen Angeklagten, die wie Polat in einer Glasbox im Gerichtssaal saßen, wollen mit Terror nichts zu tun gehabt haben. Die meisten von ihnen bestritten nicht, in Waffen- oder Rauschgifthandel verstrickt zu sein. Einige erzählten sogar stolz, wie gut sie dabei verdient hätten. Nur einer der elf anwesenden Beschuldigten, Christophe Raumel, sitzt aktuell nicht mehr in Untersuchungshaft.

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