https://www.faz.net/-gpf-7kviu

Chaos Communication Congress : Der Verstand ist ein Computerprogramm

  • -Aktualisiert am

„Nein, sie haben keine Seele“ - der Tamagotchi Bild: picture-alliance / BSIP/OLIEL

Hacker interessieren sich für Tamagotchis so sehr wie für künstliche Gehirne. Die Frage, ob der menschliche Verstand dem digitalen überhaupt noch überlegen ist, beantworten sie auf eigentümliche Weise.

          3 Min.

          Natalie Silvanovich hat ein Hobby, und die Freude, die sie an ihm hat, teilten am Sonntagabend etwa 3000 Menschen in Hamburg für eine Stunde mit ihr. Das Publikum des großen Saals des Chaos Communication Congress ließ sich von der Softwareentwicklerin bei Blackberry erklären, was es mit den Tamagotchis heute auf sich hat. Bekannt waren sie allen, doch spielten die meisten wohl in einem Alter mit ihnen, in dem an produktive Zerstörung von Spielgeräten noch nicht zu denken war – sofern diese elektronischen Freunde aus Asien überhaupt je eine Rolle spielten. Wie viel Zeit Silvanovich mit ihnen verbrachte, wollte sie auf Nachfrage auf der Bühne nicht sagen. Sie sprach umso ausführlicher darüber, was sie mit ihnen tat.

          Tamagotchis sind digitale Freunde, die früher gepflegt und gefüttert werden mussten und die heute ein Leben in vier Etappen führen. Sie sind Babys, Kinder, Teenager und Erwachsene. Im Laufe ihres Lebens heiraten sie und bekommen Kinder. Lässt sich in dieses Leben eingreifen? Silvanovich fand einen Weg: Sie zerlegte das Spielgerät, identifizierte die einzelnen Komponenten und griff in ihr Zusammenspiel ein. So errang sie zumindest die Kontrolle über das kleine Display, das allen Tamagotchis innewohnt. Mithilfe einer eigens geschaffenen Entwicklerumgebung enthüllte sie die Grundlagen des digitalen Wesens: Es versteht gar keine Sprache, sondern nur Bilder, und hinter Mimik und Gestik, die sich auf dem Bildschirm abspielt, verbergen sich die Artefakte des Weges vom Prototyp zum Massenprodukt.

          Künstliche Intelligenz als Auftrag der Aufklärung

          Es gibt Schnittstellen der Programmierung, wenn auch das eigentliche Programm fest in der Hardware verbaut ist. Das Gehirn des Tamagotchis lässt sich erweitern, mit Erinnerungen füllen, die es selbst gar nicht hatte. „Ich wollte mein Tamagotchi zum besten und klügsten machen“, sagte Silvanovich.

          Was hier lustig klang und lustig war, fand auf dem größten europäischen Hackerkongress statt. Nur wenige Minuten hatte der Berliner Philosoph und Softwareentwickler Joscha Bach vor einem ebenso vollbesetzten Saal nicht nur über die Möglichkeiten gesprochen, künstliche Intelligenz zu schaffen, sondern geradewegs über ihre Notwendigkeit.

          Die künstliche Intelligenz sei ein Auftrag der Aufklärung, sagte Bach. Wenn es möglich ist, mit Computern Computer zu emulieren, ohne dass sie mitbekämen, dass sie gar nicht sind, was sie glauben zu sein – warum sollte sich das menschliche Gehirn nicht in diese Verschaltung einbeziehen lassen? Und warum kommt es darauf an, etwas darüber zu glauben, was man ist? Schon von Gottfried Wilhelm Leibniz‘ Denken ließe sich diese Frage ableiten, sagte Bach. Leibniz sprach vor drei Jahrhunderten davon, dass der Verstand allenfalls aus Einzelteilen bestehe, die eben in einem bestimmten, sehr agilen, Verhältnis zueinander stünden. „Der Verstand ist ein Computerprogramm“, lautete Bachs Erkenntnis dieser Reduktionsidee.

          Ist es gefährlich, künstliche Intelligenz zu schaffen? Nein, sagte Bach auf die selbst gestellte Frage. Nicht das Wesen des Verstandes bedeute, wenn überhaupt, eine Gefahr, sondern nur dessen Motivation. Auch wenn viele Menschen die Idee künstlichen Denkens nicht mochten, fuhr Bach fort, sei es kein Argument, dem menschlichen Verstand eine unergründliche Mystik zu unterstellen, wie es Roger Penrose getan habe. Auch die Annahme, dass Menschen auch dann Entscheidungen treffen, wenn es für diese kein rationales Entscheidungsmodell gebe, unterscheide sie nicht von Maschinen, sagte Bach.

          „Nein, sie haben keine Seele“

          Im Falle der Tamagotchis lassen sich diese Probleme einfacher lösen. „Nein, sie haben keine Seele“, sagte Silvanovich. „Das behaupte ich, obwohl es im Internet derzeit noch diskutiert wird.“ Erst in der vergangenen Woche sind jedoch neue Tamagotchis auf den Markt gekommen, über die die Hackerin nur kurz sprechen konnte. Das zentrale Merkmal der neuen Geräte: Sie kommunizieren. Sie enthalten einen kleinen Chip für „near field communication“ (NFC), eine Technologie für den Datenverkehr. Dieser Chip ist bereits in zahlreichen Mobiltelefonen verbaut.

          Auch über NFC ließ sich am dritten Tag des Kongresses Interessantes erfahren. Der junge Doktorand Adrian Dabrowski aus Wien berichtete von Forschungen, in denen er sich um neue Schlüsselsysteme kümmerte. Diese funktionierten nun kontaktlos. Sie erlaubten Handwerkern, Postzustellern und Behörden Zugang zu mehr als 10.000 Gebäuden in Wien. Die Hersteller sprächen von einem sicheren System und behaupteten, die Schlüssel ließen sich keinesfalls duplizieren, sagte der Hacker. Als auch sein Wohnhaus mit dieser Technologie ausgestattet wurde „nahm ich diese Herausforderung an“, so Dabrowski.

          Er untersuchte die Schlüssel, die wahlweise die Identität von Personen an bestimmten Orten enthüllen können, die zum Speichern von Informationen, zum Authentifizieren von Menschen und zum Kommunizieren genutzt werden können. Alsbald war Dabrowski in der Lage, das berührungsfreie Abrechnungssystem des Wiener Nahverkehrs – entsprechende Terminals befinden sich an vielen Haltestellen – als toten Briefkasten zu benutzen. Es gelang ihm auch, Kaffeemaschinen auszutricksen. Dafür musste er gar nicht lange forschen, sondern nur die Beschreibung von Hacks lesen, die schon vor fünf Jahren entsprechende Sicherheitsmängel aufzeigten. Repariert wurden sie nicht. Es sei sogar mit einfachsten Mitteln möglich, Geld auf Smartcards zu laden, sagte Dabrowski.

          Um sich zu fordern, nahm sich der Hacker noch ein anderes Projekt vor: Er baute einen RFID-Schlüssel für die Häuser in seiner Nachbarschaft. Mit einer manipulierten Karte, die ansonsten Zugang zu Skiliften gewährt, ließ sich so tatsächlich die Hälfte der Türen öffnen. Hatte sich Dabrowski zudem noch Software auf sein vorhandenes NFC-fähiges Smartphone geladen, öffneten sich sogar mehr als 90 Prozent der Türen. Das größte Problem dieser Sicherheitsmängel sei, dass weder die Nutzer noch die Hersteller dieser Technologien mitdächten, sagte Dabrowski am Ende seines Vortrags. So müssen sie sich nicht wundern, wenn sie am Ende von der künstlichen Intelligenz übertrumpft werden.

          Weitere Themen

          Die jungen Wilden

          HR-Tech-Start-ups : Die jungen Wilden

          Digitale Start-ups wirbeln Personalabteilungen durcheinander – ob Mitarbeitersuche mit KI oder Online-Burnout-Prävention. Wir stellen einige von ihnen vor.

          Topmeldungen

          Kanzlerkandidatin Baerbock : Grünes Meisterstück

          Mit der geräuschlosen Kür von Annalena Baerbock zur ersten Kanzlerkandidatin der Grünen hat die Parteiführung ihr Meisterstück abgeliefert. So viel Harmonie war nie – aber auch noch nie so viel Wille zur Macht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.