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CDU versagt Metzger Bundestagskandidatur : „Wie halten Sie es mit der Selbstdarstellung?“

Er konnte sich wieder nicht durchsetzen: Oswald Metzger Bild: AP

Die CDU am Bodensee hat ihrem Neumitglied Oswald Metzger zum zweiten Mal die Bundestagskandidatur versagt. Knapp setzte sich das Parteiestablishment gegen die Metzger-Fans durch. Die waren bitter enttäuscht, kämpften mit den Tränen oder reichten gleich die Austrittserklärung ein.

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          Schwarz schimmert der Bodensee an der Promenade in Überlingen. Es sind nur wenige Meter zum Kursaal. Dort steht Oswald Metzger. Grell leuchten die Kamerascheinwerfer. Auch bei Metzgers zweiten Versuch, als neues CDU-Mitglied für den Bundestag von den Mitgliedern nominiert zu werden, ist es spät geworden. Wieder ist Metzger der Verlierer: 48 Prozent der etwa 680 anwesenden Mitglieder stimmen für Metzger, 52 Prozent für Lothar Riebsamen, den Bürgermeister von Herdwangen-Schönach.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Bodensee-CDU will sich in Berlin von dem soliden, zuverlässigen und kommunalpolitisch erfahrenen Riebsamen vertreten lassen. Er soll der „Seehas“ im Bundestag werden und nicht ein politischer Hasardeur. Riebsamen ist für die CDU ein Kandidat mit „Vollkaskoschutz“, er hat in seiner Kommune solide regiert und dürfte sich nicht zu einem Talkshow-Narziss entwickeln.

          „Wie halten Sie es künftig mit der Selbstdarstellung?“

          Metzger verbirgt seine große Enttäuschung nicht. In Biberach, wo er mit 41 Prozent ebenfalls im dritten Wahlgang unterlag, habe er sehr geringe Chancen gehabt, nominiert zu werden. Hier in Friedrichshafen, Überlingen und Pfullendorf war das anders: Metzger hatte sich nicht der CDU aufgedrängt, sondern der Kreisvorsitzende Markus Müller hatte verzichtet und Metzger ins Spiel gebracht. Auch hat der Wahlkreis 293 Bodensee eine andere Sozialstruktur als der Biberacher Wahlkreis. Durch ZF Friedrichshafen, die Tognum AG, EADS und viele kleinere innovative Unternehmen sind Wahlkreis und damit auch die CDU-Mitgliedschaft stärker mittelständisch und weniger bäuerlich-ländlich geprägt. Viele in der CDU fühlten sich von dem bisherigen Bundestagsabgeordneten Andreas Schockenhoff schlecht vertreten, weil Bundesstraßen noch immer nicht ausgebaut und die Südbahn noch immer mit Diesel fährt.

          Deshalb und weil die Politikverdrossenheit in der CDU mit dem lokalen Partei-Establishment und den Regierenden in Berlin groß ist, fiel das Ergebnis für Metzger überhaupt so gut aus. Fast schon etwas einfältig hat es Metzger verstanden, diese Stimmung zu bedienen: Auch bei seiner Vorstellung im Kursaal in Überlingen am Freitagabend prangert er die Diätenerhöhung der Abgeordneten an und spricht abermals davon, dass die Politiker bei den Bürgern im „Verschiss“ seien. Metzgers Bekenntnisse zur Haushaltskonsolidierung mögen zur CDU passen, seine Ichbezogenheit, sein Habitus stößt auf Ablehnung. „Wie halten Sie es künftig mit der Selbstdarstellung?“, will ein CDU-Mitglied nach Metzgers Vorstellung wissen.

          Establishment gegen Metzger-Fans

          Der innerparteiliche Wahlkampf in der CDU war heftig: Die Konservativen um den früheren Landesumweltminister Ulrich Müller und den Bezirksvorsitzenden Schockenhoff (Württemberg-Hohenzollern) fürchteten den Erfolg Metzgers und machten dem ehemaligen Grünen klar, dass er nicht erwünscht sei. Der Kreisvorsitzende und der Fraktionsvorsitzende im Kreistag sprachen sich, je näher die Mitgliederversammlung rückte, immer deutlicher und wohl auch verzweifelter für Metzger aus. Daraufhin schalten Metzgers Gegner wiederum eine anonyme Anzeige, in der sie das Verhalten des Kreisvorsitzenden kritisieren. Am Ende ist die Mobilisierungskraft des Parteiestablishments wieder einmal größer als die der Metzger-Fans.

          Der Wahlkampf hinterlässt ein Schlachtfeld, ein tiefer Riss geht durch die ohnehin verunsicherte CDU. Ein Mann wie Metzger polarisiert. Einige fordern noch in der Nacht zu Freitag den Rücktritt des Kreisvorsitzenden, weil er sich zu sehr für Metzger stark gemacht habe. Oswald Metzger macht über seine politische Zukunft nur vage Aussagen: „Ich muss jetzt mein Buch schreiben. Es geht immer wieder eine Tür auf“, sagt er. Treue Metzgers Fans verlassen den Kursaal zügig nach der Bekanntgabe der Niederlage. „Mir reicht es ihr Deppen“, ruft einer beim Verlassen des Saals. Die Töchter eines CDU-Kommunalpolitikers können die Tränen nur mit großer Mühe unterdrücken. Ein Unternehmer schimpft über „die blöde Kungelei“ und überreicht dem stellvertretenden Kreisvorsitzenden wütend seine handschriftliche Austrittserklärung: „Das ist nicht mehr meine Partei.“

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