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Castor : Die Nerven liegen blank

  • -Aktualisiert am

Friedlich haben dreitausend Atomkraftgegner gegen den Castortransport demonstriert. Doch militante Demonstranten schossen Leuchtmunition auf Polizeibeamte.

          2 Min.

          Auge in Auge stehen sich Polizei und Demonstranten gegenüber. Zwischen drei- und fünftausend Atomkraftgegner sind nach der Kundgebung auf dem Marktplatz in Dannenberg am Dienstagabend zum Verladebahnhof gezogen, wo die Atommülltransporte für das Zwischenlager Gorleben auf Sattelschlepper verladen werden sollen.

          Friedlich ist der Protest der Castorgegner. Familien mit Kinderwagen laufen parallel zur Bahnstrecke auf der Straße, Jugendliche singen Lieder. Immer wieder schwellen Sprechchöre an: „Wir sind das Volk“ und „Castor raus“. Viele sammeln sich auf einem Lärmschutzwall, der gegenüber der Bahnlinie an der Bundesstraße ein Neubaugebiet vor dem Durchgangsverkehr schützen soll. Die Polizei hat den Bahnhof weiträumig abgesperrt. Postenketten und abgestellte Polizeiwagen versperren den Zugang. Am Bahnhof fahren Wasserwerfer auf. Es ist bitter kalt. Einige entzünden Feuer, andere verwickeln Polizisten in Diskussionen. Plötzlich taucht die Polizei die Szenerie in grelles Flutlicht. Gespenstig leuchten Blaulichtketten in der Ferne, Polizeihelme blitzen weiß.

          300 militante Demonstranten

          Stundenlang stehen sie sich gegenüber. Dann schlägt die Spannung doch noch um in Gewalt. Rund 300 militante Demonstranten haben sich unter die Masse gemischt. Steine fliegen, jemand schießt Leuchtmunition auf die Polizei. Die reagiert mit Wasserwerfern. Mit Schlagstöcken treiben die Beamten die Castorgegner vom Lärmschutzwall. Ein Polizist bricht zusammen, Sanitäter eilen herbei. Später hört man, er sei nur leicht verletzt.

          Fesseln in Beton gegossen

          Es ist kurz vor Mitternacht und der Castortransport ist immer noch nicht in Dannenberg eingetroffen. Viele Demonstranten sind verschwunden, auch die Polizei zieht erste Kräfte zurück. In Hitzacker, zehn Kilometer vor Dannenberg soll der Zug stehen. Zehn Minuten, wenn die Strecke frei ist, sagt ein Polizeisprecher. Aber immer noch finden Blockierer Schlupflöcher in dem polizeilich gesicherten Korridor. Greenpeace-Aktivisten ketten sich an die Schienen, andere Demonstranten gießen ihre Fesseln in Beton. Behutsam versucht die Polizei, die Menschen von den Schienen zu lösen. Es dauert Stunden. Je später am Tag, desto gewalttätiger werden die Auseinandersetzungen. Militante Demonstranten nutzen den Schutz der Dunkelheit. Scheiben von Polizeiwagen gehen zu Bruch, ein Auto brennt aus. Das Gerücht macht die Runde, Autonome wollten Polizisten mit Essigsäure angreifen. Sehr viel Säure sei in Dannenberg gekauft worden, sagt ein Polizeisprecher.

          Größte Niederlage der Polizei

          Auch deshalb wird die Antwort der Polizei härter. Die Zeit der Konfliktmanager ist vorbei. Bei vielen liegen die Nerven blank. Seit sieben Uhr morgens sei sie schon im Einsatz, sagt eine Polizistin. Es ist halb elf Uhr am Abend. Irgendwann aber wird der Castortransport Dannenberg erreichen. Dann steht der Polizei der schwerste Weg erst noch bevor. 18 Kilometer ist die Straßenstrecke lang. Es gibt zwei Routen, die lange schon bewacht werden. Doch der erste Tag hat gezeigt, dass noch nicht ausgemacht ist, ob die Polizei immer die Oberhand behalten kann. Ein symbolisches Bild flimmert seit Dienstagnachmittag über alle Fernsehsender: Ein Castorgegner auf einem Castorbehälter. Das ist wohl die größte Niederlage der Polizei.

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