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Cap Anamur : Die Flanke sichern

Unzufrieden mit seinem Nachfolger: Cap-Anamur-Gründer Neudeck Bild: AP

Cap-Anamur-Gründer Neudeck hat an den Methoden seines Nachfolgers Bierdel einiges auszusetzen. Er wirft Elias Bierdel schlechte Vorbereitung und mangelnde Information der Mitarbeiter vor.

          Der Gründer des "Komitees Cap Anamur", Rupert Neudeck, ist selten um Worte verlegen. Doch zu dem Vorwurf seines Nachfolgers Elias Bierdel, seine Kritik an Bierdels Einsatz im Mittelmeer sei ein "bizarrer Fall von senilem Zynismus", fällt dem Gescholtenen nach eigenem Bekunden nichts ein. Als Bierdel am vergangenen Freitag noch in Sizilien in Untersuchungshaft saß, die deutsche Entwicklungshilfeministerin Wiezcorek-Zeul seine Entlassung forderte und gleichzeitig ihr Kabinettskollege Schily kriminelle Machenschaften bei "Cap Anamur" witterte, hatte Neudeck seinen Zögling erstmals öffentlich gerügt. Mit seinem Lebenswerk, der Rettung tausender Vietnamesen im Südchinesischen Meer, habe Bierdels medienwirksam in Szene gesetzte Rettung Schiffbrüchiger nichts gemein, hatte Neudeck mehreren Medien anvertraut.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Der Führungswechsel Ende 2002 bei "Cap Anamur" war nicht reibungslos verlaufen. Dem "Übervater" Neudeck fiel es nicht leicht, seiner eigenen Ankündigung zu folgen, sich völlig aus dem Verein zurückzuziehen. Zum Streit kam es über die von Bierdel maßgeblich betriebene Anschaffung eines Schiffes. Ein ehemaliger Containerfrachter wurde gekauft und umgerüstet. Knapp zwei Millionen Euro gab "Cap Anamur" dafür aus. Zwar blieb Bierdel der Tradition seines Vorgängers treu und kritiserte weiterhin bei jeder Gelegenheit die großen, staatlich unterstützen Hilfswerke als zu starr und unflexibel. Aber er wiederholte nach Neudecks Ansicht gerade deren größten Fehler: Er investierte Spendengeld in Besitz. Auf einen Brief Neudecks, den, wie stets, auch seine Frau unterzeichnete, reagierte Bierdel "nur formal", wie Neudeck heute klagt. Im Vorstand kam es zum Bruch, ein Mitglied verließ das Gremium. "Sie brachen unser oberstes Prinzip, immer beweglich zu bleiben", klagt Neudeck.

          Schlechte Vorbereitung

          Heute gilt Neudecks größte Sorge der Rückholung des Schiffs. Es hat viel Geld gekostet und ist nun beschlagnahmt, könnte nach italienischem Recht als "Schleuserschiff" gar verschrottet werden. Neudeck hofft auf die Unterstützung der Bundesregierung, um die in Porto Empedocle angetäute "Cap Anamur" zurück nach Deutschland zu bekommen.

          Neudecks Kritik an Bierdel zielt darauf, daß er sich nicht ausreichend bei den Behörden und möglichen politischen Verbündeten rückversichert habe. "Da muß man doch vorher mit der Bundesregierung sprechen, mit Abgeordneten des Europaparlaments, mit der EU-Kommission," sagt er. Hätte die Bundesregierung Hilfsbereitschaft gezeigt, wenn man ihr den Versuch, afrikanische Flüchtlinge nach Europa zu bringen, zuvor angekündigt hätte? "Natürlich nicht, aber das ist ein langer Kampf, und bei diesem Kampf muß man seine Flanken sichern", sagt Neudeck. Bierdel selbst will als eigenes Versäumnis nur gelten lassen, sich mit den italienischen Behörden nicht hinreichend gut abgesprochen zu haben. Für Neudeck offenbaren Bierdels Worte im Radio abermals die mangelnde Vorbereitung des Unternehmens. Bierdel hatte gesagt: "Gebt mir eine Telefonliste, wir rufen die rauf und runter an, wen immer wir anrufen sollen, und informieren sogleich. Aber das Entscheidende muß doch sein: Wollen wir ... weiter hinnehmen, daß Menschen vor den Toren der Festung verrecken?"

          Mitarbeiter nicht ausreichend informiert

          Neudecks zweite Sorge gilt den Mitarbeitern des Vereins, die seit Wochen in Köln die Stellung halten, über die Aktionen ihres neuen Chefs aber offenkundig nicht hinreichend informiert waren. Je nachdem, an welchen Mitarbeiter Journalisten gerieten, kamen unterschiedliche Versionen heraus: Daß die Rettung der Schiffbrüchigen ein zufälliges Ereignis auf einer Durchquerung des Mittelmeers gewesen sei, sagten die einen; daß es dem Verein von Anfang an darum gegangen sei, auf das "Flüchtlingselend im Mittelmeer" hinzuweisen, die anderen.

          Tatsächlich verpflichtet der Besitz des Schiffes die Hilfsorganisation. Da ein wesentlicher Teil ihrer stehenden Mittel darin investiert wurden, müssen nun immer neue Aktionen erdacht werden, bei denen ein Schiff sinnvoll zum Einsatz kommt. Das Thema der vor Flüchtlinge aus Afrika - tausende ertranken oder verdursteten in den letzten Jahren auf ihrem Fluchtweg über das Mittelmeer - bot sich deshalb für eine Aktion an. Ebenso dürfte es Bierdel lohnend erschienen sein, in dem Jahr, in dem der Verein sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert, gewissermaßen zurück zu dessen Wurzeln zu gehen.

          „Thema ist jetzt gesetzt“

          Gegen diese Reminiszenz an die Anfänge der Organsiation, als der Verein die vietnamesischen "Boat People" rettete, hat Neudeck nichts einzuwenden. Auch den Kampf gegen die "unmenschliche europäische Flüchtlingspolitik" möchte er gern aufnehmen. "Das ist das einzig Gute an dieser Aktion", sagte Neudeck. "Das Thema ist jetzt gesetzt." Bierdel will daran ansetzen und hat weitere Rettungsfahrten in Aussicht gestellt - was angesichts des beschlagnahmten Schiffes möglicherweise unvorsichtig ist. Doch wenigstens in diesem Punkt ist Neudeck seiner Ansicht. "Er muß weitermachen." Einen neuen Leiter brauche "Cap Anamur" nicht.

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