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Nach türkischer Boykottdrohung : Dündar verzichtet auf Teilnahme an Pressekonferenz mit Merkel und Erdogan

  • Aktualisiert am

Der im deutschen Exil lebende Journalist Can Dündar. Bild: dpa

Erdogan fordert offenbar die Auslieferung des kritischen Journalisten. Der verzichtet nun auf die Teilnahme an einer Pressekonferenz mit dem türkischen Präsidenten.

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          Der in der Türkei wegen Spionage und Verrats verurteilte Journalist Can Dündar verzichtet auf eine Teilnahme an der Pressekonferenz von Kanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Da Erdogan womöglich die  Pressekonferenz boykottieren werde, wenn er komme, habe er sich entschieden, nicht teilzunehmen, teilte der frühere Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet" im Kurzmitteilungsdienst Twitter mit. Seine Fragen würden stattdessen von einem deutschen Journalisten gestellt werden.

          Die türkische Delegation um Erdogan hatte gedroht, die gemeinsame Pressekonferenz mit Merkel platzen zu lassen, sollte Dündar dort auftauchen. Das berichtet  die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf das Umfeld des türkischen Präsidenten. Zuvor hatte schon die „Bild“-Zeitung über die Drohung berichtet. Der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung „Cumhuriyet“ hatte in einem dpa-Interview angekündigt, Erdogan Fragen zu inhaftierten türkischen Journalisten zu stellen.

          Die Entscheidung für eine mögliche Absage der Pressekonferenz sei in einem Treffen mit mindestens zwei ranghohen Delegationsmitgliedern nach einer Zusammenkunft mit weiteren türkischen Ministern in Berlin am Donnerstag gefallen. „Die türkische Seite hat ein Auslieferungsersuchen für Dündar laufen - da käme also jemand zur Pressekonferenz mit dem Präsidenten, der in der Türkei als Straftäter gesucht wird“, hieß es aus dem Umfeld des Präsidenten. Das wäre eine starke Konfrontation.

          Erdogan fordert laut Medien Auslieferung Dündars

          Zuvor hatten deutsche und türkische Medien berichtet, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan von der Bundesregierung die Auslieferung Dündars und 68 weiterer Aktivisten fordere. Die regierungsnahe türkische Zeitung „Yeni Akit“ berichtete am Freitag, Erdogan habe drei Tage vor seinem Besuch in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Liste geschickt, auf der auch Dündar stehen soll.

          NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ berichteten ihrerseits, am Montag sei eine Verbalnote beim Auswärtigen Amt eingegangen, in der die türkische Botschaft um die Festnahme und Auslieferung von Dündar wegen Spionage, Verrats von Staatsgeheimnissen und Propaganda bitte. Dündar war 2016 in der Türkei wegen eines Berichts über geheime Waffenlieferungen an islamistische Rebellen in Syrien zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden.

          Mutmaßliche PKK-Mitglieder und Gülen-Anhänger im Visier

          Laut „Yeni Akit“ finden sich auf der Liste mutmaßliche Mitglieder der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, die Ankara für den gescheiterten Staatsstreich von Juli 2016 verantwortlich macht. So sollen auf der Liste die früheren Staatsanwälte Zekeriya Öz und Celal Kara stehen, die im Dezember 2013 eine führende Rolle bei den Korruptionsermittlungen gegen das Umfeld Erdogan hatten.

          Ebenfalls gesucht wird demnach der Theologiedozent Adil Öksüz, den die Führung in Ankara als einen der Drahtzieher des Putschversuchs ansieht. Auch mehrere frühere türkische Offiziere bei der Nato, die nach dem Putschversuch in Deutschland Asyl gesucht haben sollen, sollen sich auf der vom Geheimdienst MIT zusammengestellten Liste finden. Diese enthält dem Bericht zufolge Adressdaten sowie Fotos der Verdächtigen, die sie an den genannten Orten zeigen.

          Die Türkei dringt bei der Bundesregierung schon lange auf ein verstärktes Vorgehen gegen die PKK und die Gülen-Bewegung und fordert die Auslieferung von PKK-Mitgliedern und Gülen-Anhängern, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben. Erdogan erneuerte diese Forderungen vor seinem Staatsbesuch in Berlin in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

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