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EU-Referendum : Die Drohung mit der Drohung

Ja zu Schottland: Sollte es zum Brexit kommen, wäre der Weg zum zweiten Referendum offen. Bild: dpa

Die Schotten sind mehrheitlich für die EU. Premierminister Cameron setzt das im Kampf gegen den Brexit ein. Dieser, sagt er, könnte zu einem weiteren Unabhängigkeitsreferendum führen und das Vereinigte Königreich zerstören.

          Es wäre nicht das erste Mal, dass sich das Schicksal des Königreichs in Schottland entscheidet, aber am Bahnhof von Polmont ist die Größe des Moments nicht recht erkennbar. Eher beiläufig greifen die Pendler, die an diesem Nachmittag ankommen und an den geharkten Beeten vorbei in ihre Häuschen eilen, zu Ben Zielinskis Flugblättern, die für den Verbleib in der EU werben. Manche lächeln. Andere verziehen keine Miene. Die wenigsten werfen einen Blick auf das Papier. Es könnten auch die Sonderangebote der örtlichen Reinigung draufstehen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          In Polmont regt das bevorstehende EU-Referendum die wenigsten auf. Zielinski, Anwalt in Edinburgh mit Wohnsitz in Polmont, dachte sich, dass die Kampagne trotzdem irgendwann losgehen muss, und so wählte er einen Tag, holte das Werbematerial im Büro der „Britain stronger in Europe“-Kampagne ab, darunter sein weißblaues T-Shirt mit dem Aufdruck „I’m in“, und fragte noch nach etwas Geld für einen jungen Helfer, der jetzt am anderen Ausgang des Bahnhofs Broschüren verteilt. Die Resonanz sei nicht überwältigend, stellt Zielinski gegen Ende seiner Aktion verdrossen fest. „Aber als erfahrener Wahlkämpfer kann ich Ihnen sagen: Fast zwei Drittel werden hier fürs Drinbleiben stimmen. Das sehe ich in den Augen.“

          Zielinskis Prognose wird von der Zunft der Meinungsforscher bestätigt, ungefähr, weshalb man seinen Beobachtungen Glauben schenken darf. Polmont, das ziemlich genau zwischen den beiden schottischen Metropolen Edinburgh und Glasgow liegt, will mehrheitlich in der EU bleiben, so wie die schottische Nation als Ganzes. Das freut vor allem das politische Establishment in London, denn allzu viele solcher Regionen gibt es im Vereinigten Königreich nicht – eigentlich nur noch Nordirland, ein paar Großstädte und der Großraum London.

          In den ländlichen Gegenden von England und Wales ziehen die europafreundlichen Wahlkämpfer seit Wochen lange Gesichter. Viele glauben, die Sache sei gelaufen. Allenthalben werden sie auf „die Einwanderer“ angesprochen, die man sich nur vom Leib halten könne, wenn man wieder die Kontrolle über die eigenen Grenzen zurückgewinne. Denn die Kontrolle, heißt es, habe man aufgegeben, als London dem EU-Binnenmarkt und damit dem grenzenlosen Freizügigkeit der Arbeitskräfte zustimmte. Neuerdings steht Europa auch noch für den Zustrom aus den islamischen Ländern. Die Wahlkämpfer der beiden Ausstiegskampagnen „Vote Leave“ und „Leave EU“ haben hier ganze Arbeit geleistet.

          Einheit des Königreichs in Gefahr

          Dass die Schotten bei den zunehmend unruhiger werdenden „Remainers“ um Premierminister David Cameron hoch im Kurs stehen, liegt nicht an deren Wahlverhalten allein. Die Schotten dienen auch als Waffe im Kampf der Argumente. „Ganz ehrlich“, sagte Cameron in dieser Woche im Fernsehen, „ich befürchte ein zweites Schottlandreferendum, wenn wir für den Ausstieg stimmen.“ Zwei seiner Vorgänger, John Major und Tony Blair, sagten wenig später, dass ein Brexit „die Einheit des Königreichs gefährdet“. Zum Slogan verdichtet heißt das: Wählt für Europa, damit Britannien zusammenbleibt! Oder, in den Worten Camerons: „Wenn Sie Ihr Land lieben, sollten sie nicht in einer Weise abstimmen, die zu seinem Auseinanderbrechen führen könnte!“

          Polmont war einmal eine Arbeitersiedlung. Die Schornsteine der Grangemouth-Ölraffinerie, die hinter dem Bahnhof aufragen, rauchen noch, aber durch die Entlassungen der vergangenen Jahrzehnte wurden viele Häuser in der Gegend frei, in die nun Schotten gezogen sind, die sich die Mieten in Edinburgh und Glasgow nicht mehr leisten können. Die EU ist hier weit weg, und doch wieder nicht weit genug. Anders als in den nördlicher gelegenen, strukturschwachen Highlands gibt es hier keine neuen Straßen, vor denen Schilder auf die freundlichen Finanziers aus Brüssel hinweisen. Aber in Polmont, wo das Geld nicht locker sitzt, hat man das Rechnen gelernt. Es sei das Wirtschaftsargument, das ziehe, meint Zielinski. „Die Leute hier kapieren einfach nicht, warum man durch einen Brexit etwas riskieren sollte.“

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