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Bush-Besuch in Stralsund : „Wie bei Honecker“

Merkel und Bush in der Stralsunder Nikolai-Kirche Bild: AP

Falsche Fassaden wie einst in der DDR wurden nicht gebaut: Dennoch fühlten sich manche Beobachter an frühere Zeiten erinnert, als Kanzlerin Merkel in Stralsund den amerikanischen Präsidenten vor tausend ausgewählten Bürgern begrüßte.

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          Bevor der amerikanische Präsident Bush mit Ehefrau Laura nach Mecklenburg-Vorpommern kam, wurde dort pausenlos über die Sicherheit und ihre Kosten geredet: über zugeschweißte Gullydeckel und versiegelte Häuser, über die 12 500 Polizisten im Einsatz, die Polizeikolonnen auf den Straßen, die kilometerlangen Absperrgitter, die Kontrollen an jeder Ecke. Die Kritiker von Bushs Politik bis in die rot-rote Schweriner Landesregierung hinein hatten zudem immer wieder öffentlich überlegt, wie sie ihren Protest organisieren können, um möglichst viel „Bambule“ zu machen, wie einer der Organisatoren der Anti-Bush-Demonstration sagte.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dabei geriet aus dem Blickwinkel, was das eigentliche Anliegen des Besuches war. Als Angela Merkel im Januar ihren Antrittsbesuch in Washington unternahm, saß sie eine Dreiviertelstunde lang im Oval Office. Das Gespräch kam auf ihren Lebensweg, auf die DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend, auf private Lebensformen in einer Diktatur und auf den Untergang der DDR. Bush schickte damals seine Berater aus dem Raum und hörte der Kanzlerin zu. Sie habe die eiserne Faust des Kommunismus kennengelernt, sagte er nach diesem Treffen, noch immer beeindruckt.

          Bush lobt Merkel

          So stellte sich eine Vertrautheit ein, die auch politisch die schwierige Zeit in den deutsch-amerikanischen Beziehungen unter der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder beendete. Einen „guten Freund“ nannte Bush die Kanzlerin am Donnerstag bei seiner kurzen Begrüßungsrede auf dem sonnenüberfluteten Alten Markt in Stralsund. Sie sei eine Frau, die harte Entscheidungen treffen könne, auf deren Urteilsvermögen er baue und auf deren Meinung er höre. (Siehe auch: Merkel und Bush in Sorge über Rußland, Nahen Osten und Iran)

          Merkel und Bush in der Stralsunder Nikolai-Kirche Bilderstrecke
          Bush-Besuch in Stralsund : „Wie bei Honecker“

          Die Kanzlerin war, durch das Gespräch in Washington angeregt, auf die Idee gekommen, bei ihrem nächsten Besuch im Mai Bush in ihren Wahlkreis nach Vorpommern einzuladen. Zu dem gehören die Landkreise Rügen und Ostvorpommern sowie die Hansestadt Stralsund, „eine der schönsten Regionen in unserem Land“, wie die Kanzlerin gern sagt.

          Frau Merkel wollte dem amerikanischen Präsidenten zeigen, wie es im Osten sechzehn Jahre nach dem Ende des Sozialismus aussieht, wie es den Menschen geht, wie sie „ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen haben“. Aber auch, was sie denken. Stralsund war beinahe zwangsläufig eine Besuchsstation, hatte sich die Stadt doch gerade beim Besuch des schwedischen Ministerpräsidenten bewährt.

          Keine falschen Fassaden

          In Stralsund, wo Frau Merkel ihr Wahlkreisbüro hat, wurde ihr nun vorgeworfen, der Staatsbesuch sei so gewesen „wie früher bei Honecker“ - weil die Altstadt schon am Dienstag abend vollständig abgesperrt worden war und nur tausend geladene Gäste den amerikanischen Präsidenten zu Gesicht bekamen, ausgerüstet am Eingang mit amerikanischen und deutschen Fähnchen. Unter den tausend waren allein mehr als zweihundert Soldaten aus der Marinetechnikschule Stralsund-Parow.

          Allerdings: Falsche Fassaden wie in der DDR wurden nicht gebaut oder verfallene Häuser bis zur Blickhöhe frisch getüncht. In Stralsund läßt sich gut zeigen, was sich verändert hat seit dem Ende der DDR und was nicht. Auch hier habe es 1989 die großen Montagsdemonstrationen gegeben, erinnerte Frau Merkel bei der Begrüßung. Hier hätten die Menschen um ihre Freiheit gekämpft. Heute seien sie froh, in einer geeinten Bundesrepublik leben zu dürfen, und dankten Amerika, daß es damals die deutsche Einheit mit ermöglicht habe. Das sowjetische Ehrenmal aus der DDR-Zeit steht noch immer vor der gewaltigen Marienkirche. Das denkmalreiche Stralsund lebt in diesen Tagen von den Feriengästen. Dennoch bleibt die Arbeitslosigkeit so hoch wie kaum in einer anderen Gegend Deutschlands. Und ohne die Autobahn 20, das zumindest längste Projekt deutsche Einheit, wäre es gar nicht möglich gewesen, Bush nach Stralsund einzuladen.

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