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Bundeswehr : Wenn Gewalt notwendig und sinnvoll ist

Bundespräsident Gauck lobt die Bundeswehr und spricht von einem gerechten Krieg. Damit provoziert der Pastor die Evangelische Kirche, denn die will einen gerechten Frieden.

          Der Präsident wollte ein Zeichen setzen. Auf dem Rückweg aus China machte er Station bei den deutschen Soldaten in Mazar-i-Sharif. Er zollte ihnen tiefen Respekt und er bat sie, offen mit ihm zu reden, wie mit einem Kameraden. Auf dem Rückweg, schon müde, sprach er sein Lob einem Radioreporter ins Mikrofon: Die Soldaten leisteten unter schwierigsten Bedingungen Großartiges. Und dann sagte er noch einen Satz, sehr verwunden: Deutschland verstehe allmählich, dass militärische Gewalt auch der Durchsetzung von Interessen diene, etwa die Handelswege frei zu halten. Der Satz hatte mit Afghanistan nichts zu tun, aber die Wirklichkeit widerlegte ihn.

          Ein Sturm brach los über dem Präsidenten, der angeblich Wirtschaftskriege gefordert hatte. Zehn Tage nach seinem Abstecher zum Hindukusch trat Horst Köhler zurück. Für die Bundeswehr war das kein gutes Zeichen.

          Abschreckung sicherte den Frieden

          Erst vor diesem Hintergrund, dem Ausscheiden seines Vorvorgängers, ist zu ermessen, was Joachim Gauck in dieser Woche geleistet hat. Er betrat, gerade drei Monate im Amt, verminte Erde. Der Bundespräsident hätte allerlei Freundliches und Belangloses sagen können bei seinem Bundeswehr-Antrittsbesuch, niemand hätte ihm das verübelt. Doch Gauck ersparte seinen Zuhörern Formeln. Was er sagte, kam von Herzen: dass diese Armee eine Armee ist von „Mut-Bürgern in Uniform“, keine Volksarmee; dass sie die Freiheit des Gemeinwesens nicht begrenzt, sondern schützt; sie sei Ausdruck eines „Demokratiewunders“.

          So ist in der Bundesrepublik lange nicht mehr gesprochen worden über die Bundeswehr. Es musste erst jemand kommen, der dieses Land die längste Zeit seines Lebens von außen betrachtet hat. Gauck stand - und steht bis heute - vor Augen, wie sich die alte Tradition des deutschen Militarismus in der DDR fortsetzte: von den Knobelbechern und den kaum verwandelten Wehrmachtsuniformen über die Aufmärsche im Stechschritt bis zur Militarisierung des gesamten Lebens. Wer das erlebte, versteht besser, welcher Traditionsbruch sich im Westen vollzog. Er sieht schärfer als andere, dass Pazifismus keine Antwort gewesen wäre auf Totalitarismus. Und er weiß, dass Abschreckung jahrzehntelang den Frieden gesichert hat.

          Für die Kirche ist Gewalt eine Sünde

          Diese Einsicht - bei Gauck eine Lebenshaltung - führt zum Kernsatz seines Vortrags an der Führungsakademie der Bundeswehr: „Gewalt, auch militärische Gewalt, wird immer auch ein Übel bleiben. Aber sie kann - solange wir in der Welt leben, in der wir leben - notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden.“ Der Satz entspricht dem professionellen Selbstverständnis der Soldaten - wer ihn nicht unterschreiben kann, sollte den Beruf wechseln. Er ist aber nur in der Bundeswehr eine Selbstverständlichkeit. Zwar hat sich in der deutschen Öffentlichkeit manches verändert im Zuge der Auslandseinsätze - Ostermärsche sind zu Randveranstaltungen geworden. Doch ist die Skepsis gegenüber allem Militärischen noch immer tief verwurzelt, wie die hysterischen Reaktionen auf Köhlers Interview 2010 unter Beweist stellten.

          Gauck wendet sich gegen eine Position, die die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Anspruch fixiert hat, den gesellschaftlichen Konsens zum Ausdruck zu bringen. Sie steht in der Friedens-Denkschrift von 2007. Danach ist Gewalt nicht „auch ein Übel“, sondern immer ein Übel, eine Sünde. Deshalb kann sie nicht sinnvoll sein, sondern bestenfalls notwendig, um ein noch größeres Übel zu verhindern. Dass ein Krieg „gerecht“ sei, dass es gute Gründe gebe, mit Gewalt zu drohen oder sie einzusetzen, dieser christliche Gedanke wird von der EKD eingemottet. Fortan sollen sich alle nach dem Leitbild des „gerechten Friedens“ richten und an einer „verrechtlichten Welt“ arbeiten, in der die Vereinten Nationen die oberste Autorität sind und niemand mehr Waffen braucht. Sollte sich jemand nicht daran halten, sind die Bedingungen für den Einsatz von Gewalt so eng gefasst, dass kaum ein Bundeswehreinsatz der vergangenen Jahre zu rechtfertigen wäre: weder der Kampf gegen Piraten im Indischen Ozean noch der gegen Al Qaida in Afghanistan. Gauck hingegen sagt, die Bundeswehr habe unser Zutrauen verdient, „nicht nur in Debatten, um den ,gerechten Krieg’ zu bestehen, sondern auch einem ,gerechten Frieden’ den Weg zu bahnen, indem sie beiträgt zur Lösung von Konflikten“ - und dies mit militärischer Macht.

          Pikant ist, wie die EKD ihr neues Dogma herleitete und dabei die Kirchen der DDR für sich vereinnahmte. Dort habe sich die „friedensethische Urteilsbildung“ Ausdruck verschafft „in der beherzten Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung“. Pastor Gauck wusste sich dem zu entziehen. Er blieb Realist. Als Bundespräsident hat er nun sein Zeichen gesetzt.

          Mut-Bürger in Uniform - so mutig hat noch keiner über die Soldaten gesprochen. Die EKD setzt auf gerechten Frieden. Pastor Gauck spricht von gerechtem Krieg.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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