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Bundeswehr : Vor dem nächsten Einsatz

Der deutsche Beitrag zu den Militäreinsätzen in Afrika soll als ein kleiner unter vielen wahrgenommen werden. Aus Rücksicht auf erwartete öffentliche Skepsis hat Kanzlerin Merkel die Grenzen eines Engagements eng gezogen.

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          Steht die Bundeswehr nach dem Ende ihres afghanischen Jahrzehnts am Beginn eines afrikanischen? Ein Blick auf die Karte mit den aktuellen und avisierten deutschen Einsatz-Ländern in Afrika könnte dies glauben machen: Da zieht sich ein fast durchgehendes Band von Senegal im Westen über Mali, die Zentralafrikanische Republik, Sudan und Südsudan bis nach Somalia und Dschibuti. Doch ein weiterer Blick auf die Kontingent-Stärken in den jeweiligen Ländern korrigiert den ersten Eindruck: In Sudan und Südsudan besteht der Beitrag der Bundeswehr zu den jeweiligen UN-Missionen aus kaum mehr als einer Handvoll Offizieren. An der Ausbildung somalischer Armee-Einheiten wird sich, falls sie zustande kommt, kaum mehr als ein Dutzend deutscher Soldaten beteiligen. Und die von der Bundesregierung angebotene Teilnahme an einer europäischen „Überbrückungsmission“ in der Zentralafrikanischen Republik soll sich laut Verteidigungsministerin wenn möglich auf die Bereitstellung eines intensivmedizinisch ausgerüsteten Evakuierungsflugzeugs beschränken. Einzig in Mali ist die Bundeswehr in einer dreistelligen Truppenstärke an der Ausbildung der einheimischen Sicherheitskräfte beteiligt.

          Aber selbst am Ufer des Niger tut die Bundeswehr gegenwärtig im Wesentlichen das, was sie in Afrika schon seit Jahrzehnten tut: Ausbildungs- und Transporthilfe leisten. Die Transall-Flugzeuge der Luftwaffe flogen schon vor dreißig Jahren Hilfseinsätze; die Pionierausbildung für die Armee Malis begann – ohne Mandatierungspflicht – gleichfalls schon im vergangenen Jahrzehnt.

          Zehntausend Soldaten für multinationale Missionen

          Drei Faktoren bestimmen die Einsetzbarkeit der Bundeswehr: ihre Ausstattung mit Personal und Material, Ausbildung und (Kampf-)Erfahrung; und, am wichtigsten, die gesellschaftliche Unterstützung in Deutschland – eine Mehrheit der Bevölkerung sollte von Sinn und Zweck der jeweiligen Mission schon überzeugt sein.

          Die Ausstattung und der Umfang der Streitkräfte sind in den Reformzielen der Neuausrichtung der Bundeswehr fixiert. Das Ziel lautet, künftig über eine Brigade in einem dauerhaften, eine weitere Brigade in einem begrenzten Einsatz verfügen zu können; ein Gesamtkontingent von rund zehntausend Soldaten stünde so für multinationale Missionen zur Verfügung.

          Die Ausrüstung der deutschen Soldaten wird sich künftig zum Teil nach der Art ihrer Einsätze richten müssen; das ist eine der wichtigsten Lehren, welche die Bundeswehr aus Afghanistan mit nach Hause nimmt. Dort ist erst im Moment des Abzuges ein Ausstattungsgrad mit Waffen und Gerät erreicht worden, der den Anforderungen der Truppe entspricht; die neuen Hubschrauber für Kampf und Transport waren zwar schon am Ende des Kalten Krieges entworfen worden, den Einsatzort Mazar-i-Sharif erreichten sie erst im vergangenen Jahr.

          Die wichtigste kollektive Erfahrung machte die Bundeswehr als Führungsnation im Norden Afghanistans. In dieser Funktion haben zahlreiche Kontingente deutscher Einsatzoffiziere Führungsverantwortung erlebt und ausgeübt; sie haben damit eine Fähigkeit demonstriert, über die in der EU nur wenige Länder verfügen: einen größeren Militäreinsatz (in Afghanistan immerhin in einer Truppenstärke von zeitweilig mehr als zehntausend Mann auf einer Fläche, die halb so groß ist wie die Bundesrepublik) auf Dauer führen zu können.

          An den Stammtischen der Republik

          Aus dieser praktischen Erfahrung hat das Verteidigungsministerium für die künftige Kooperation der Europäer in und außerhalb der Nato das Konzept der „Rahmennation“ entwickelt: Die kleineren Länder ergänzen mit ihren militärischen Fähigkeiten die Führungskraft und die Kapazitäten der größeren Nationen. Dass Deutschland nach dem afghanischen Beispiel abermals eine solche Führungsfunktion in einem – mutmaßlich afrikanischen – Einsatz übernehmen würde, will die Bundesregierung gegenwärtig nicht zur Debatte stellen. Das eilige Bekunden der Bereitschaft, auch in einer UN-Nachfolgemission im afghanischen Norden führend zu bleiben, hat womöglich auch damit zu tun, dass die politische Führung in Deutschland lieber das afghanische Beispiel der Einsatzfähigkeit der Bundeswehr noch weiter aufrecht erhalten will, statt nach neuen Führungsbeispielen gefragt zu werden.

          Bei den aktuellen afrikanischen Einsätzen hingegen soll der deutsche Beitrag vorerst lieber als ein kleiner unter vielen wahrgenommen werden. Aus Rücksicht auf erwartete öffentliche Skepsis hat vor allem Bundeskanzlerin Merkel die Grenzen eines deutschen Engagements eng gezogen. Bei der EU-Mission in der Zentralafrikanischen Republik sollen, wie früher schon öfters, allenfalls die Dienste des bestens bestückten deutschen Sanitäts-Airbus angeboten werden, und dies auch nur dann, wenn Soldaten anderer Länder den Flughafen in Bangui so sichern, dass die Gefahr weitgehend ausgeschlossen ist, dass der Evakuierungsflieger jemals auch verletzte deutsche Soldaten aufnehmen müsste. Ob die Bundeswehr einsatzfähig ist, entscheidet sich eben nicht nur auf den Übungsplätzen, es entscheidet sich mehr noch an den Stammtischen der Republik.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

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