https://www.faz.net/-gpf-xszi

Bundeswehr : Drill und Drang

Zu Guttenbergs Erfolgsgeheimnis begründet in der Vermittlung des Eindrucks, er sei kein Politiker Bild: dapd

Noch sind die Vorfälle bei der Bundeswehr nicht geklärt - doch die Opposition weiß längst, dass überall vertuscht und verschwiegen wird. Selbst für Mitglieder der Koalitionsparteien scheint der Drang zu groß zu sein, den Überflieger zu Guttenberg endlich auf eine niedrigere Umlaufbahn herunterzuholen.

          1 Min.

          Wer noch „beim Bund“ Wache geschoben hat, weiß, dass die in fast jeder Kaserne anzutreffenden Löcher in der Decke der Wachstube nicht vom Inneneinrichter stammten. Trotz strenger Kontrollen und ständigen Drills im sicheren Umgang mit Waffen und Munition kam es vor, dass ein Sturmgewehr doch nicht vollständig entladen und gesichert war, wie es die vorgeschriebene Meldung verlangte. Selbst im tiefsten Frieden und weit weg von irgendeinem Einsatz fiel daher alle Jahre einmal ein unbeabsichtigter Schuss, und nicht immer kamen alle Beteiligten mit dem Schrecken davon.

          So gesehen, könnte man es für ein Wunder halten, dass es unter den Bedingungen der „kriegsähnlichen Zustände“ am Hindukusch noch nicht mehr Opfer von „Friendly fire“ jeder Art gegeben hat. In Wahrheit ist dafür die hohe Professionalität der Truppe und ihrer Offiziere verantwortlich. Noch ist nicht vollständig geklärt, wie der junge Soldat kurz vor Weihnachten zu Tode kam. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen erst aufgenommen. Die zuständige Opposition aber weiß natürlich schon, dass auch in diesem Fall vertuscht, verschwiegen und verschleppt wird – wie selbstredend auch bei der „Meuterei“ auf der „Gorch Fock“.

          Guttenberg hatte selbst die Kundus-Affäre fast ohne Kratzer überstanden

          Selbst für Mitglieder der Koalitionsparteien scheint der Drang einfach zu groß zu sein, den kometenhaften Überflieger zu Guttenberg endlich einmal auf eine etwas niedrigere Umlaufbahn herunterzuholen. Der hatte selbst die Kundus-Affäre fast ohne Kratzer im Hochglanzlack überstanden. Einlagen wie der Truppenbesuch vor Weihnachten samt Frau und Talkmaster befeuern aber nicht nur die Begeisterung seiner Bewunderer, sondern auch das Bestreben seiner Neider, Gegner und Feinde, ihn zu Fall, wenigstens aber ins Straucheln zu bringen.

          Man kann es für ein Wunder halten, dass es in Afghanistan noch nicht mehr Opfer von „Friendly fire” gab
          Man kann es für ein Wunder halten, dass es in Afghanistan noch nicht mehr Opfer von „Friendly fire” gab : Bild: dpa

          Der Politiker, dessen Erfolgsgeheimnis in der Vermittlung des Eindrucks begründet liegt, er sei eigentlich keiner, jedenfalls nicht im landläufigen Sinne, hat sich schon lange die Missgunst jener zugezogen, denen dieser Weg direkt ins Herz der Wähler versperrt bleibt. Weil zu Guttenberg in seiner Paradedisziplin, dem Auftritt, nicht beizukommen ist, müssen Vorwürfe aus dem politischen Alltag herhalten: hat sein Ministerium nicht im Griff et cetera. Riesen neigen dazu, nicht zu sehr auf den Kleinkram zu achten. Doch wissen gerade die Zwerge besonders gut, wie man einen Strick aus ihm dreht.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Weitere Themen

          Fast alle gegen Polen

          EU-Gipfel in Brüssel : Fast alle gegen Polen

          Der Streit über die Rechtsstaatlichkeit in Polen geht auch auf dem EU-Gipfel weiter. Ministerpräsident Morawiecki will nicht nachgeben. Sein Land werde nicht „unter dem Druck von Erpressung“ handeln.

          Klimaproteste begleiten Koalitionsverhandlungen Video-Seite öffnen

          Berlin : Klimaproteste begleiten Koalitionsverhandlungen

          Während der Koalitonsgespräche kam es zu lautstarkem Protest verschiedener Umweltgruppen. Kritisiert wird ein fehlender politischer Wille, die Gerechtigkeitsfragen unserer Zeit anzugehen.

          Der durchseuchte Kontinent?

          FAZ Plus Artikel: Corona in Afrika : Der durchseuchte Kontinent?

          Eine Münchner Studie legt nahe, dass sehr viele Afrikaner schon eine Corona-Infektion durchlitten haben, ohne es selbst zu wissen. Wenn das so ist, brauchte man weniger Impfstoff. In der Theorie.

          Topmeldungen

          In sieben Wochen Kanzler? Kurz nach Nikolaus will sich Olaf Scholz vom Bundestag wählen lassen.

          Ampel-Koalition : So wollen SPD, Grüne und FDP verhandeln

          300 Unterhändler machen für SPD, Grüne und FDP die Einzelheiten des Koalitionsvertrags aus. In 22 Arbeitsgruppen ringen sie um Kompromisse. Doch die harten Nüsse müssen die Parteichefs selbst knacken.
          Wegen der Cum-Ex-Aktiendeals musste Olaf Scholz im April vor einem Untersuchungsausschuss in der Hamburger Bürgerschaft aussagen.

          „Cum-Cum“ : 140 Milliarden Euro Beute durch Steuertricksereien

          Die „Cum-Ex“-Deals sind inzwischen bekannt. Doch auch mithilfe anderer Modelle sollen Banken dem Fiskus Geld aus der Tasche gezogen haben – weit mehr als bisher gedacht. Möglicherweise dauert das auch immer noch an.
          Schwierige Logistik: Impfung in einer Siedlung nahe Durban, Südafrika

          Corona in Afrika : Der durchseuchte Kontinent?

          Eine Münchner Studie legt nahe, dass sehr viele Afrikaner schon eine Corona-Infektion durchlitten haben, ohne es selbst zu wissen. Wenn das so ist, brauchte man weniger Impfstoff. In der Theorie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.