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Wolfgang Nešković : Reine Geschmackssache

  • -Aktualisiert am

Auf ein Bier mit Wolfgang Nešković: Weil keine Flugblätter verteilt wurden, hält der Bundestagskandidat seinen Vortrag vor nur sechs Zuschauern. Bild: Gyarmaty, Jens

Im Dezember hat Wolfgang Nešković die Fraktion der Linkspartei verlassen. Nun tritt er als unabhängiger Kandidat an und erlebt die Tücken eines Wahlkampfs ohne Parteiapparat.

          Am vierten Tag seines Wahlkampfes als unabhängiger Kandidat erlebt Wolfgang Nešković, wie hart das Politikerleben ohne die Unterstützung eines Parteiapparats sein kann. Die Unterstützer, die für seine Veranstaltung im Deutschen Haus in Döbern werben sollten, hatten es aus irgendwelchen Gründen nicht getan. In der Lausitz, im südöstlichen Brandenburg, hängt nicht wie in Berlin Wahlwerbung an jedem Laternenpfahl, und in Döbern war nirgendwo ein Hinweis auf den Besuch des Kandidaten Nešković zu sehen. Die regional verbreiteten Zeitungen hatten seinen Vortrag „Raumschiff Bundestag“ lieblos unter anderen Terminen oder gar nicht angekündigt. Und so ist es ein Abend im kleinen Kreis: vier Männer und zwei Frauen.

          Nešković macht gute Miene zum enttäuschenden Spiel. Er hält eine Stunde lang seinen Vortrag - frei - und diskutiert mit seinen Zuhörern, bis die vorgesehenen zwei Stunden verstrichen sind. Auf dem Tisch liegen die obligatorischen Kulis und Bänder mit Karabinerhaken sowie Bonbons in hellblauem Papier mit lesebrillenpflichtig kleinem Slogan: „Wolfgang Nešković. Dieser Kandidat schmeckt“ (die Bonbons nicht). In kleiner Runde spürt man allerdings die Vorteile einer unabhängigen Kandidatur: Sie appelliert an den Sportsgeist der Menschen, die sofort aus der oft aggressiv-mauligen Rolle der frustrierten Wähler heraustreten und sich als aktive Bürger fühlen und benehmen.

          Wahlkampf kostet Geld

          Am Ende hinterlassen alle Namen und Adressen, etliche bieten praktische Hilfe an. Auch Spenden wird Nešković sammeln müssen, Wahlkampf kostet Geld, auch wenn man ihn nicht als Materialschlacht, sondern als David mit komfortablen Pensionsansprüchen führt. Einer der Zuhörer ist Mitglied der Linkspartei in Cottbus. Er fährt mit dem Konterfei von Nešković im Auto durch die Gegend. Schon am Abend zuvor war er bei der Wahlveranstaltung, er ist, wie es in der Welt der sozialen Medien heißt, ein „Follower“ von Nešković. Ein Paar aus Spremberg war dieser Tage in Berlin bei Nešković zu Gast, bei einem dieser Wahlkreisbesuche von Bundestagsabgeordneten.

          Der Kandidat und seine Getreuen gehen nachsichtig und langmütig miteinander um, es wird nicht debattiert oder gar gestritten, auch wenn verblüffende Widersprüche auftauchen. Der Mann aus Spremberg etwa berichtet, nun solle in seiner Stadt, die vom Braunkohletagebau schon regelrecht umzingelt sei, auch Kupfer abgebaut werden, ohne dass überlegt werde, wie die Stadt danach aussehe. Der Genosse aus Cottbus, ein entschiedener Braunkohle-Gegner und ehemaliger Ingenieur, sagt ungerührt: Wenn im Land Kupfer vorkomme, müsse es gewonnen werden. In der Lausitz sind die Menschen und die Parteien in wesentlichen Fragen gespalten, das zeigt sich auch an dem Abend mit Nešković:

          Die einen sind froh, dass wenigstens noch die Braunkohle gutbezahlte Arbeitsplätze liefert, die anderen fordern, alle Kräfte auf den Strukturwandel zu werfen. Durch die Linkspartei - die dem damaligen Richter am Bundesgerichtshof Wolfgang Nešković 2005 einen Platz auf ihrer Brandenburger Landesliste anbot - geht derselbe Riss. Nur ist sie seit 2009 in Brandenburg Regierungspartei, und die SPD hält an der „Brückenenergie“ Braunkohle fest. Während der Cottbuser Regionalkonferenz zum Abschluss des Koalitionsvertrags saß Nešković, durch das gerade errungene Direktmandat noch selbstbewusster als üblich, vorn im Saal und arbeitete demonstrativ Akten durch.

          Einer von drei Männern ohne Partei

          Schließlich sprach er von den Interessen seines Wahlkreises und griff den Koalitionsvertrag als Verletzung des Parteiprogramms an. Der damalige Landesvorsitzende Thomas Nord wehrte sich: Die Linkspartei könne Landespolitik nicht mitgestalten, wenn sie Wahlkreisinteressen addiere, sie müsse die Kraft aufbringen, Positionen für das ganze Land zu finden. Seit Rot-Rot in Potsdam regiert, hält sich Nešković weder in Berlin noch in der Lausitz mit Kritik an der Landesregierung zurück. Bei einer Protestveranstaltung des „Bündnisses Heimat und Zukunft in Brandenburg“ in Attawasch, am Reformationstag 2012, trat Nešković schon als „Jurist, den es in die Politik verschlagen hat“, auf.

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