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Schwaches Wahlergebnis für CSU : Seehofers Debakel

  • -Aktualisiert am

Ernste Gesichter: Horst Seehofer am Wahlabend in München Bild: dpa

Die Christsozialen gehen mit einem der schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte in die nächste Legislaturperiode. Doch das kommt für die CSU nicht unerwartet: Horst Seehofer hat sich bereits vorher abgesichert.

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          Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ist ein vorausschauender Mann. Er hatte schon vor dem Wahltag geahnt, was auf seine Partei im Allgemeinen und ihn im Besonderen mit einem der schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte zukommen sollte. Alle maßgeblichen Politiker der Partei seien in die Planung des Wahlkampfs eingebunden gewesen, ließ Seehofer wissen; „millimetergenau“ seien die gemeinsamen Vorgaben erfüllt worden. Die Botschaft war nicht zu überhören: Seehofer will nicht die Rechnung für den Misserfolg seiner Partei präsentiert erhalten, schon gar nicht für das starke Abschneiden der AfD, die auch in Bayern ein zweistelliges Ergebnis einfuhr.

          Kategorisch widersprach er Einschätzungen, sein Dissens mit der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel über eine Obergrenze bei der Flüchtlingsaufnahme habe die AfD nicht geschwächt, sondern gestärkt. Die Union würde schlechter dastehen, wenn die CSU vor einer Konfrontation zurückgeschreckt wäre, lautete die Hauptkampflinie, die er bereits vor dem Wahlabend, der für seine Partei so unerfreulich wurde, bezogen hatte. Die Entscheidung der CSU für Merkel als Kanzlerkandidatin der Union sei aber „goldrichtig“ gewesen. Ganz verschloss Seehofer aber nicht die Augen davor, dass womöglich nicht alle Anhänger der CSU ihm auf die dialektischen Höhen seines „Gegen Merkel kämpfen heißt mit ihr siegen“ folgen konnten oder wollten.

          Das Wahlergebnis ist eine „Katastrophe“

          Die Benennung eines Zielpunkts zwischen einer Pro-Merkel-Skylla und einer Anti-Merkel-Charybdis mied Seehofer. Die 2013 erreichte CSU-Marke von 49,3 Prozent der Zweitstimmen war von seinen Gefolgsleuten in den vergangenen Wochen nur noch als historische Reminiszenz erwähnt worden. Als am Sonntagabend um 18 Uhr die ersten Prognosen die CSU in Bayern deutlich unter der Vierzig-Prozent-Marke sahen, machte sich auf der Wahlparty in der Parteizentrale Fassungslosigkeit breit. Der frühere CSU-Vorsitzende Erwin Huber geißelte Seehofers „Schaukelpolitik“ gegenüber Merkels Flüchtlingspolitik. Ein „Weiter so“ könne es nach dieser „Katastrophe“ nicht geben, sagte er vieldeutig.

          Huber stimmte einen mächtigen Mollakkord an. Auf der Wahlparty herrschte Unsicherheit, ob er schon zu einer Abschiedssymphonie für Seehofer auf dem CSU-Parteitag im November anschwellen werde; die Landtagswahl im kommenden Jahr sei nah, möglicherweise zu nah für einen Wechsel an der Spitze der Partei. Seehofer setzte am Wahlabend widersprüchliche Zeichen: Einerseits sprach er davon, dass bei Koalitionsverhandlungen „kein Parteivorsitzender“ der CSU aus Berlin zurückkommen könne, ohne Positionen des Wahlprogramms der Partei, des „Bayernplans“, durchgesetzt zu haben; das klang danach, dass er einem Wechsel an der Spitze der CSU für möglich hält. Andererseits beteuerte er seine Bereitschaft, der CSU auf einem nicht leichten Weg zu dienen. Die Partei habe auf der rechten Seite eine offene Flanke, die mit einer „klaren Kante“ geschlossen werden müsse; die CSU werde eine Politik für konservativ-liberale Wähler machen.

          Seehofer sieht sich als Spieler, der mindestens einen Zug weiter denkt als die Konkurrenz in anderen Parteien und in den eigenen Reihen. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs hatte er noch die FDP gelobt, die jetzt eine andere Partei als vor vier Jahren sei – damals hatte er zu den Hauptakteuren der Union gehört, die der FDP die Luft abschnürten. Doch die Zuversicht, dass es für ein Bündnis von Union und FDP in Berlin reichen werde, verflog am Wahlabend mit den ersten Prognosen. Statt dessen wurden schon einmal Engelszungen bereitgelegt, mit denen die SPD bewogen werden könnte, die große Koalition fortzusetzen. Aus Sicht der geschwächten CSU, darin waren sich kleine und große Strategen der CSU sicher, könnte ein Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen ein „Highway to hell“ werden – zum Verlust der absoluten Mehrheit bei der Landtagswahl.

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          Im Schlussspurt des Wahlkampfs hatte Seehofer schon einmal eine Kostprobe gegeben, welche Geschmeidigkeit in den nächsten Wochen gefragt sein könnte: Nur „Pyjama-Strategen“ – also notorische Spätaufsteher – könnten verkennen, wie ausgeklügelt die CSU-Kampagne gewesen sei, ließ er wissen. Wer wann zu früh, zu spät oder genau rechtzeitig aufgestanden ist, darüber werden in der CSU noch heftige Debatten geführt werden. Die Lust in der Partei auf größere Revolten ist seit den Wirren, die auf den Sturz Edmunds Stoibers folgten, zwar gedämpft; als Wiedergänger von Günther Beckstein und Erwin Huber will niemand enden, schon gar nicht der risikoscheue Markus Söder. Doch die Pyjama-Fraktion in der CSU könnte nach dem Wahldebakel größer sein, als es Seehofer lieb sein kann. Der Herbst des Patriarchen ist in einen Winter übergegangen – in einen bitterkalten Winter.

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