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Westerwelle im Wahlkampf : Spätrömische Ambivalenz

„Mensch, was redet der über Panama?“: Guido Westerwelle am Samstag auf dem Marktplatz von Minden Bild: Alexander Lehn

In früheren Wahlkämpfen war Guido Westerwelle der Effekthascher seiner Partei. In diesem Spätsommer gibt er lieber den nachdenklichen Staatsmann.

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          Der Markt in Minden ist nicht der Nabel der Welt, Ostwestfalen nicht der Mittelpunkt des Wahlkampfes. Aber wenn der kleine Platz vor den Altstadthäusern bei ihrer Kundgebung zu einem guten Drittel gefüllt ist, dann ist das für die FDP eine gute Nachricht. Zumal die Zuschauer an diesem Tag im Nieselregen stehen. Es ist Samstag, vor ein paar Tagen war die CDU-Vorsitzende Angela Merkel in Minden. Das „Mindener Tagblatt“ beschrieb die Stimmung als „gedämpft“ und berichtete von lautstarken Demonstranten. Von denen sind an diesem Wochenende wenige zu sehen. Früher galt der Wahlkampfredner Guido Westerwelle als Brüll-Aufreger für jedwede linke Jugend. Vergangene Zeiten. Im Spätsommer 2013 stehen links und rechts der nassen Tribüne vier, fünf AfD-Anhänger und ein „Pirat“ mit einem Transparent. Sie werden von Westerwelle als „liebe Andersgläubige“ begrüßt und lauschen dann mehr oder minder andächtig den Worten des Außenministers.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Auch sonst ist vieles anders in diesem Wahlkampf für Westerwelle. Als „Spitzenkandidat“ seiner Partei tritt er nur noch in Nordrhein-Westfalen an, allerdings mit einer ambitionierten Kampagne. Als ihm zugeschrieben wurde, er suche bei seiner Rückkehr auf die Wahlkampfpodien auch Genugtuung für manche Niederlage der vergangenen Jahre, soll Westerwelle das FDP-Präsidium in telefonischen Einzelgesprächen vom Gegenteil überzeugt haben. Er will der Partei dienen, sagt er, und natürlich Deutschland und Europa, ganz besonders in den „ernsten Zeiten“, von denen ein Großteil seiner Rede handelt und die praktisch überall dort zugegen sind, wo er gerade daran arbeitet.

          „Wir Deutsche wissen manchmal nicht, wie gut es uns geht“

          Die Auftritte Guido Westerwelles im Wahlkampf in Minden oder ein paar Stunden später in Osnabrück kommen dennoch ohne großes Brimborium aus. Dezent werden die Ministerlimousinen in Nebenstraßen geparkt, die Personenschützer vom Bundeskriminalamt sind so zahlreich wie unauffällig. Westerwelle kommt, redet und verschwindet dann schnell wieder. Seine Auftritte sind konzentriert und kurz. Denn anders als manche Ministerkollegen, die ihre Berliner Amtsgeschäfte mehr oder minder ruhen lassen, eilt der Außenminister zumindest gedanklich zwischen Minden und Moskau, Osnabrück und Peking hin und her.

          Die Lage in Syrien erfordert seine Aufmerksamkeit, den Giftgas-Einsatz nennt er einen „Zivilisationsbruch“. Der könne einen „nicht in Minden, nicht in Nordrhein-Westfalen und nicht in Deutschland unberührt lassen“. Die Zuhörer, etwa sechshundert Anhänger und Wochenend-Passanten, folgen aufmerksam, wenn Westerwelle sie von Ostwestfalen direkt nach Europa und an die lodernden Krisenherde führt. Man brauche, sagt er, eine „geschlossene Haltung der Weltgemeinschaft“. Westerwelle redet von Haltungen, nicht von Handlungen und von seinen Amtserfahrungen. „Ich glaube, wir Deutsche wissen manchmal nicht, wie gut es uns geht“, sagt der Mann mit dem blauen Anzug, der seriös-blauen Krawatte, und er schaut dabei sehr ernst hinter seiner schwarzgeränderten Brille in den Mindener Nieselregen.

          „Mensch, was redet der über Panama?“

          Auch wenn Landsleute vom öden Wahlkampf meckern oder ihre Nichtwählerschaft preisen, wird der Außenminister „sehr traurig“, weil anderswo Menschen unter Lebensgefahr Schlange stünden vor den Wahllokalen und es „Hunderte Millionen Menschen gibt, die würden gerne einmal wählen“. Jedes Mal, wenn man nicht wähle, sei das, so redet er den Leuten ins Gewissen, „eine Ohrfeige für alle, die in der Welt nicht wählen dürfen“. Für solche Worte bekommt Westerwelle freundlichen Beifall, auch von Zuhörern, die man nicht gleich an gelb-blauen Accessoires als FDP-Anhänger erkennt.

          Westerwelle berichtet von Erfahrungen rund um den Globus, die beispielsweise von riesigen Bauprojekten und Fortschrittsbegeisterung in Singapur oder Panama handeln. „Mensch, was redet der über Panama?“, dächten sich nun viele, aber „dann komme ich zurück und denke an Bahnhöfe, an Flughäfen und eine Elbphilharmonie“ - und dann wird er natürlich wiederum „sehr traurig“. Es sei so leicht, „mit der Hacke der Kritik ein Haus einzureißen“, aber so schwer, eines zu bauen in Deutschland. „Die Welt schläft nicht, und wir müssen schneller werden“, rät er eindringlich und im Ton eines Mannes, der es nunmehr aus eigener Anschauung besser weiß und nicht mehr bloß aus putzmunterem liberalen Prinzip.

          Schlager Parolen im Brot-und-Butter-Wahlkampf

          Westerwelle, der während seiner Reden erstaunlich oft hervorhebt, dass er unterdessen zwar über fünfzig Jahr alt, aber immer noch bei Verstand sei, wirbt lebhaft für Europa („Lasst uns Europa gemeinsam besser machen“) und mehr nebenbei für die traditionellen FDP-Themen. Schmeichelnd erinnert er dann an Kernkompetenzen seiner FDP: „Der Mittelstand - da gibt es eine Partei, die sich darum kümmert.“ Den Mittelstand habe man „in den Mittelpunkt unserer Politik gestellt“. So ist der FDP-Politiker, der einst von der „Volkspartei“ oder der FDP für „das ganze Volk“ warb, beim Brot-und-Butter-Wahlkampf des Rainer Brüderle angekommen.

          Wenn Westerwelle nachmittags in Osnabrück einmal ruft: „Derjenige, der arbeitet, der muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet“, dann klingt das wie ein Schlager aus seinem alten Jahrhundert. Und weil er ja schon über fünfzig ist, beansprucht er dann auch noch, als jüngerer Mann gegen die Kommunisten und für die Deutsche Einheit gekämpft zu haben - und zwar nicht, um nun den Herren Gysi, Gabriel und Trittin die Regierung zu überlassen. Beifall. Nach knapp einer halben Stunde verlässt Westerwelle in Minden das Podium. Ein Anhänger ruft ihm beim Weggehen zu: „Ganz unser alter Parteivorsitzender.“ Da wendet er sich im Pulk seiner Begleiter um und sagt in tiefem Ernst: „Diese Zeiten sind vorbei.“

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