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Nähe und Ferne zur CDU : Das Dilemma der FDP

  • -Aktualisiert am

Selfie mit dem Popstar der Politik: Lindner mit junger Anhängerin Bild: dpa

Bei seinem Wahlkampfabschluss zeigt sich die Zwickmühle für Christian Lindner und seine FDP: Vielleicht können die Liberalen bald mitregieren. Doch, ob das auch gut für sie wäre, weiß nicht einmal der Vorsitzende.

          Manchmal macht eine kleine Äußerlichkeit den Unterschied, und bei Christian Lindner ist es das Jackett. Es ist Samstagmittag auf dem Schadowplatz in Düsseldorf, Wahlkampfabschluss der Liberalen. Vor der Bühne steht wenig alte FDP mit Sonnenbrille und Barbourjacke und viel neue mit Smartphone und Turnschuhen. Auf der Bühne, aber trotzdem irgendwie dazwischen, steht Lindner, schießt erst ein Selfie und zieht dann sein Sakko aus. „Damit Ihr mich von den Plakaten wiedererkennt.“ Das ist Koketterie, natürlich, wer FDP sagt, meint längst Lindner und umgekehrt, und außerdem ein alter Trick, um Nähe zu erzeugen. Dabei ist in Düsseldorf gerade nicht Nähe die Botschaft, um die es Lindner geht, sondern eher das Gegenteil: dass die FDP der Macht nicht wieder zu schnell zu nahe kommen will. Dass sie sich von einer verlockenden Regierungsperspektive nicht wieder überrumpeln lässt. Dass sie weiter hemdsärmelig bleibt. 

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Denn nach den Umfragen ist es nicht nur nahezu sicher, dass die FDP nach vier Jahren wieder ins Parlament einzieht, sie könnte als Teil eines Jamaika-Bündnisses oder einer schwarz-gelben Koalition womöglich sogar den Durchmarsch von der außerparlamentarischen Opposition auf die Regierungsbank schaffen. Doch nach den desaströsen Erfahrungen von 2009, als Guido Westerwelle die FDP bei der Wahl auf fast 15 Prozent und dann in die Regierung führte, wo mit der Klientelpartei bald der jähe Absturz begann, sind die Liberalen vorsichtig geworden. 

          Keine Regierungsbeteiligung um jeden Preis

          Keine Regierungsbeteiligung um jeden Preis: Das ist, anders als 2009, das Mantra, das Christian Lindner auch auf dem mit 2000 Zuhörern gefüllten Schadowplatz in Düsseldorf auffallend oft betont. „Wir bewerben uns um den Wiedereinzug in den Bundestag – entweder als Teil der Regierung, um ihr Beine zu machen oder, wenn das nicht möglich ist, als drittstärkste Kraft in der Opposition.“ Solche Sätze kommen an bei den Liberalen, die selbst hier, in Wurfnähe zur Königsallee, demütig geworden sind. „Wenn es nicht möglich ist, in der Regierung Akzente zu setzen, dann wäre es unverantwortlich, in die Regierung zu gehen.“ Oder: „Wir lassen Sie im Zweifel nicht wieder mit so einer Opposition allein.“

          Hemdsärmeliger Hoffnungsträger: Christian Lindner beim Wahlkampfabschluss der FDP in Düsseldorf

          So viel Nähe wie möglich, aber so viel Distanz wie nötig: Zwischen diesen Polen bewegt sich die FDP kurz vor der Wahl. So attackiert Lindner in Düsseldorf so angriffslustig und routiniert die scheidende Regierungskoalition, dass man den Eindruck gewinnen muss, er selbst würde die harte Oppositionsbank einem weichen Kabinettssitz ohne zu zögern vorziehen – was viele führende Liberale ohnehin für das Beste hielten. Zu groß sind die Befürchtungen, nach dem Wahlabend mit sechs oder sieben Prozent in die Regierung einzuziehen, von Merkels Union zu Tode umarmt zu werden und bei der nächsten Wahl gleich wieder unter die Fünf-Prozenthürde zu rutschen. „In der Opposition könnte Lindner weiter das Profil der FDP schärfen und das machen, was er am besten kann: angreifen“  – diese Meinung eines Liberalen aus der erweiterten Führungsriege steht für viele FDP-Anhänger. 

          Weil es je nach Wahlergebnis aber sein kann, dass die FDP doch nicht anders kann als mitzuregieren, fallen Lindners Angriffe in Düsseldorf zwar scharf, aber noch nebulös genug aus, um keine verbrannte Erde zu hinterlassen. Lindner zeiht die große Koalition der Selbstzufriedenheit, spricht über die Digitalisierung, die Schwarz-Rot verschlafen habe, mahnt eine mangelnde Bildungsqualität und fehlende Leistungsgerechtigkeit in Deutschland an. Schulen als „Sammelstellen für Elektroschrott“, das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz eine „Paartherapie“ und dessen Auftritt ein „Bewerbungsgespräch, dass Schulz der nächste Sachbearbeiter der Kanzlerin werden will“: Mit diesen griffigen, rhetorisch oft brillant verpackten Bildern nimmt Lindner sein Publikum schnell für sich ein, ohne aber die Kanzlerin direkt anzugreifen. Denn natürlich weiß er nur zu gut, dass es für seine Partei sehr schwer werden dürfte, die Verantwortung auszuschlagen, wenn es wider Erwarten doch für eine schwarz-gelbe Koalition reichen sollte, die Wunschkonstellation vieler in der Union und bei den Liberalen. Und auch die von Rudolf Jahns. 

          Jahns ist 73, ein Unternehmer im Ruhestand und sozusagen die alte FDP, als Selfies noch Polaroid-Fotos waren und liberale Wahlspots noch in Farbe. Die Mende-Jahre, die Kohl-Zeit, die Klientelpartei unter Westerwelle, den Absturz – er hat alles mitgemacht und trotzdem immer liberal gewählt. Christian Lindner, sagt er auf dem Schadowplatz, habe der Partei ihr Selbstbewusstsein wiedergegeben. Die Fehler der Vergangenheit, da ist sich Jahns sicher, werde er nicht wiederholen, wenn er die FDP in eine Regierung führe. „Westerwelle hat uns auch nach oben geführt und danach alles vergessen. Das wird der Lindner nicht machen.“ 

          Doch so viel Zuversicht in Lindners selbstregulative Kräfte haben auch in Düsseldorf nicht alle. Schon gar nicht Dieter Knaut, der ein paar Meter weiter neben zwei jungen Frauen steht, die zwar nicht FDP wählen, den neuen Popstar der Politik aber einfach mal in natura erleben wollten. „Jetzt in eine Koalition zu gehen, wäre das Dümmste, was die FDP machen könnte“, findet der 64-Jährige. „Wir dürfen nicht noch einmal in der Mühle Merkel zermalmt werden.“

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